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Heinrich von Kleist.
Eine pathographisch - psychologische Studie
Dr. J. Sadger,
Nervenarzt in Wien.
Wiesbaden. Verlag von J. F. Bergmann,
1910,
Verlag von J. F. BERGMANN in Wiesbaden.
Soeben erschienen:
Lehrbuch
Lungentuberkulose.
Für Ärzte und Studierende. Von
Professor Dr. Alfred Moeller, Berlin,
Spezialarzt für Lungenkranke, vorm. dirigierender Arzt der Lungenheilanstalten in Görbersdorf in Schlesien und in Belzig bei Berlin,
Mit zahlreichen Textabbildungen.
Preis Mk. 7.—, gebunden Mk. 8.—.
Auszug aus Besprechungen:
Verf., der bekannte frühere Heilstättenarzt in Belzig, hielt und hält seit Jahren Vorlesungen über Tuberkulose teils vor den Volontärärzten der ge nannten Anstalt, teils gegenwärtig in seiner Poliklinik vor Kursisten. Diese Vorträge sind in dem vorliegenden Buche zusammengestellt. Es ist ein „aus der Praxis heraus für die Praxis‘ verfasstes Werk, knapp, klar, vom Stand- punkte des Praktikers nach jeder Richtung hin vorzüglich, auch recht gub im Druck ausgestattet und wohlfeil. .... Die praktischen Abschnitte: Prophylaxe, Frühdiagnostik nebst physikalischer Untersuchung, spezielle Diagnostik und Therapie (Diätetik), sind ganz eingehend behandelt, u. 8. auch durch Beigabe einer genauen Speisekarte für die mittlere Gesallschaftsklasse und ähnliche Additamente. Da gegenwärtig infolge der Tuberkulinbehandlung und anderer jüngerer therapeutischer Methoden die Tuberkulose bereits dem Schicksal verfallen ist, als Spezialität zu gelten, so darf M.'s Buch der Wert eines zeitgemäßen Unternehmens nicht abgesprochen werden, das sicher unsere" Kollegen, soweit sie sich dieser Spezialität widmen oder widmen wollen, nicht unwillkommen sein wird. Ref. möchte jedoch trotz alledem die Bitte Aussen, in der nächsten Auflage doch mehr als geschehen die Literatur einleitung®“ weise, sowie im Text zu berücksichtigen. Das dürfte wohl eines so umfang- reichen und sonst so empfehlenswerten und prächtigen Buches würdig Sei. Übrigens ist das Buch mit einem vorzüglichen Register versehet.
"Prof. Dr. Page, Berlin, in der Deutschen Medizinischen Presse 1909 Nr. ®-
Heinrich von Kleist.
Eine pathographisch - psychologische Studie
Dr. J. Sadger,
Nervenarzt in Wien.
Wiesbaden.
Verlag von J. F, Bergmann,
1910,
Harvard Collegs Library Set. 19, 1921 Hayward fund
Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens.
Herausgegeben
von
Dr. L. Loewenfeld in München.
Heft 70.
Nachdruck verboten. Das Recht der Übersetzung in alle Sprachen vorbehalten.
Inhaltsübersicht.
Seite
- Die Belastung des Dichters . . 2 2 2 Co oo rn.
. Homosexualität und Masturbation. Zurückführung der ersteren auf die
Mutter. or 22.2.3
‚ Die Würzburger Reise und ihre homosexuellen Motive. Einfluss der
Mutter-Erotik. Ulrike, die Stellvertreterin der Mutter . . . . Sr}
. Einfluss seiner Männer - Freundschaften. Sexuelle Begründung seines
maßlosen Ehrgeizes. Überwältigung des Bewusstseins durch das Unbemunste 2. 2 org
- Kleistens Patriotismus psychosexuell erklärt. Der Zwangsimpuls des
gemeinsamen Sterbens. Der Doppelselbstmord gedeutet als Erfüllung einer spezifischen Liebesbedingung . . 2 2 Co voor rn. 59
Buchdruckerei Carl Ritter G.m. b. H., Wiesbaden.
1.
Das Leben eines Dichters will ich heute schildern, dem gütige Götter ein reiches, gewaltiges Talent in die Wiege legten, aber leider Eines versagten, ohne das hienieden kein Sterblicher glücklich wird: das Maßhaltenkönnen und die Selbstbescheidung. Denn Heinrich von Kleist war ein mächtiges Genie und ein grosser Dichter, der sich kecklich neben die besten aller Völker stellen durfte. Aber sein Grösstes aus- zugeben, den kühnen Idealtraum seines Geistes zu verwirklichen, den un- ermesslichen Ehrgeiz, so ihm den Busen füllte, vielleicht zu ersättigen durch eine unerhörte Gedichttat, gebrach es dem Unglückgeborenen an innerem Ebenmaß. Mit einer höchsten Schöpfung gedachte er Sophokles, Shakespeare und Goethe zusamt in die Schranken zu rufen und warf zum Schlusse, an seinem Können völlig verzweifelnd, ein Manuskript des „Guiskard“ nach dem andern in die sengende Flamme. Er vermass sich, Goethe den Dichterlorbeerkranz von der Stirne zu reissen, und hat doch selber niemals zu schaffen vermocht in reiner, unbefleckter Schönheit. Ihm war nach Wilbrandts schönen: Wort das Leben nichts, wenn es nicht alles war, und wie geradezu auf ihn gemünzt, wie das Leitmotiv seines ganzen Erdenwallens erscheint der Satz: Aut Üaesar aut nihil! Leider aber ist unser Poet kein Caesar worden, und so brachte ibn sein ewig unbefriedigter Ehrgeiz schliesslich dahin, dass ein Kongenialer, Friedrich Hebbel von ihm ausrufen durfte:
„Er war ein Dichter und ein Mann wie einer,
Er brauchte selbst dem Höchsten nicht zu weichen, An Kraft sind wenige ihm zu vergleichen,
An unerhörtem Unglück, glaub’ ich, keiner!“
Heinrich von Kleist war das fünfte unter den sieben Kindern seines Vaters, der von Beruf Offizier gewesen und laut Kirchenbuch an der Wassersucht gestorben ist. Fügen wir, eimer Briefstelle folgend, noch ausserdem hinzu. dass Kleistens Mutter die Intensität und Weich- heit des Empfindens auf ihren grossen Sohn vererbte, so haben wir ziemlich alles erschöpft, was wir von beiden Elternteilen mit Sicherheit wissen. Denn dass es für des Dichters Bild von ungeheurer Wichtig-
Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens. (Heft LXX.)
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keit wäre, auch etwas zu erfahren über Charakter und Lebensführung seiner allernächsten Ascendenten, scheint keinem Biographen eine mühens- werte Sorge gewesen. Und so haben selbst diejenigen unter ihnen, die wie Karl Siegen besonders fleissig und gewissenhaft waren, in alten Kirehenbüchern und Urkunden erstöbert, wann dieser Ahn geboren und gestorben, wann jener geheiratet und Kinder gezeugt, aber von dem inneren Seelenleben selbst des Vaters und der Mutter haben sie nicht das Geringste erkundet und vermeldet. Und so sehe ich mich, um nur irgend- ein Resultat zu erhalten, auf den indirekten Weg der Schlussfolgerung hingewiesen. Da wissen wir zunächst von zwei sehr nahen Verwandten, denen einzelne ähnliche Züge zueigen sind, wie wir sie bei unserem Dichter so reichlich finden. Ulrike, seine Halbschwester väterlicherseits, „die ewig Reiselustige,“ wird zeitlebens von einer inneren Unruhe und Wanderdrang beherrscht. Sie treibt sich ohne rechten Zweck auf den Gütern ihrer Sippschaft herum und eine wirkliche Reise ist ihre sehn- lichste Freude. In Ermangelung dieser aber sucht sie wenigstens aut der Landkarte Flecken und Städte zusammen und wanderte so in Ge- danken durch die ganze ihr als Mädchen unzugängliche Welt. Mit zu- nehmendem Alter wuchsen auch ihre Wunderlichkeiten, bis in den letzten Jahren auch ihr Geist sich völlig umnachtet hatte (Dementia senilis?). Finden wir bereits hier die unverkennbaren Symptome der erblichen Be- lastung, so tritt dies noch stärker zutage bei von Pannwitz, Kleists Vetter mütterlicherseits, der schon in sehr frühen Jahren trüber Melancholie verfiel und darob seinem Leben ein vorzeitiges Ende machte. Solche Überlieferungen machen es in hohem Grade wahrscheinlich, wenn auch nicht direkt nachweisbar, dass Heinrich von Kleist von Vaters wie auch von Mutters Seite ein schwerer Hereditarier war. Doch mag man über die Eltern denken, wie man will, dass unser Dichter ein furchtbar „Belasteter“ gewesen, steht heutzutage über jedem Zweifel. Denn nur bei solchen finden wir die bezeichnenden Stigmata: chronische Schwer- mut und Todessehnsucht, die höchstens für kurze Zeit rasch vorüber- gehendem Liebesglück weicht, den steten Assoziationswiderwillen, d. h. die Unfähigkeit, sein Ich für die Dauer mit irgendetwas zu verknüpfen, und endlich die ungeheuerlichste Maßlosigkeit in jeglicher Richtung. Am kürzesten kann ich den ersten Punkt abtun. Von frühester Jugend ab dämpft eine leise Melancholie auf Kleistens glücklichste, heiterste Laune. Sogar aus der frohen Schweizer Zeit schreibt Heinrich Zschukke an Eduard Bülow: „In seinem Wesen schien mir selbst während der fröhlichen Stimmung seines Gemüts ein heimliches inneres Leiden zu wohnen‘, und ähnlich äussern sich sämtliche anderen ohne Aus- nahme, die deın Dichter persönlich nahe traten. Auch dieser nennt in den Abschiedsbriefen sein Leben „das allerschmerzlichste, das je ein Mensch geführt hat,“ seine „Traurigkeit eine höhere, festgewurzelte
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und unheilbare,“ sich selber einen „unbegreiflich unseligen Menschen“ und schliesst das letzte Schreiben an Ulrike, der er kurz zuvor schnöde Unrecht getan: „Wirklich, du hast an mir getan, ich sage nicht was in Kräften einer Schwester, sondern in Kräften eines Menschen stand, um mich zu retten: die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war.“ Selbst ein Laie wie Tieck konnte sich einer richtigen Ahnung nicht erwehren: „Vielleicht waren seine häufigen schweren Krankheiten vorzüglich Folgen seines zerrütteten Gemütes, Man wird versucht anzunehmen, dass schon von früher Zeit eine dunkle Macht ihn geistig von innen heraus zerstört hat.“ Diese dunkle Macht ist die schwere Belastung, welche Kleist mit auf die Welt gebracht hat, und nicht eher wird man seine sämtlichen Krankheiten ganz deuten können — auch organische Affektionen haben ja eine sehr bestimmende psychische Komponente — als bis die Symptomatologie der Belastung vollständig geklärt ist!).
Das zweite von mir gefundene Stigma ist der stete Assoziations- widerwille, d. h. die Unfähigkeit des Hereditariers, sein Ich für die Dauer mit irgendetwas zu verknüpfen. Am stärksten prägt sich jener aus in Kleists unbändigem Wandertrieb, sowie seinem absoluten Unver- mögen, eine dauernde Pflicht, ein dauerndes Amt, eine dauernde Be- ziehung zu übernehmen, sich einem Lebensberuf hinzugeben. Zum ersten bemerkt schon Theophil Zolling durchaus treffend und auch die richtige Erklärung bietend: „Das Reisefieber gehörte zu den eigensten Schrullen Kleists; es ist, als ob er dabei sich selbst entfliehen und in der äusserlichen Unruhe sich innerlich beruhigen wollte.“ Und wirklich ist's ein Fliehen vor dem eigenen Ich. dem allzeit peinlich und leidvoll empfundenen, das so viele schwerbelastete Menschen immer wieder in die Ferne treibt. Es braucht die Unlust am eigenen Ich bei Kleist nur etwas gesteigert zu werden, damit er sofort sich keinen andern Ausweg weiss, als eine kleinere oder grössere Reise. Sobald er z. B. kein augenblickliches Ziel vor sich sieht, ein Ideal ihm gestürzt ist oder er sich auch nur überarbeitet hat, alsbald erklingt als einziger Wunsch an Braut oder Schwester: „Lass mich reisen!“ (Gewiss, es gibt für die so häufigen Reisen des Dichters noch eine Reihe anderer Gründe, welche des spätern ausführlich abgehandelt werden soll, doch allen gemeinsam ist seine mächtige Wandersucht, wie sie regelmässig bei allen Schwerbelasteten zu finden. Ja, bisweilen scheint sie die einzige Ursache, wie etwa bei Kleists Pariser Reise, über die er nach seinem
1) Ich ergänze hier zwei treffende Äusserungen. In einem Briefe des Dichters an Ulrike ist die blitzleuchtende Stelle zu lesen: „Das Schicksal oder mein Ge- müth und ist das nicht mein Schicksal?“ Und Wilhelmine, die verflossene Braut, schreibt, da sie von Kleistens Selbstmord vernommen: „Wenn man sein schreck- liches Ende entschuldigen will, muss man sein unglückliches Gemüt gekannt haben.“
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eigenen Wort „keinem Menschen, ja, sogar sich selbst nicht Rechen- schaft geben“ könne und dann ein andermal noch deutlicher schreibt: „Ich sehe mich auf einer Reise ins Ausland begriffen ohne Ziel und Zweck, ohne begreifen zu können, wohin mich das führen wird.“ Wenn der Forttrieb vor allem mächtig ist, dann meldet der Dichter: „Wir fliegen wie die Vögel über die Länder,“ „ob ich gleich das halbe Deutsch- land durchreist bin, so habe ich doch im eigentlichsten Sinne nichts gesehen,“ und hält mit einem Freunde die bezeichnende Zwiesprache: „Sind Sie in Dresden gewesen?“ — „Ja, durchgereist.“ — „Haben Sie das grüne Gewölbe gesehen?“ — „Nein.“ — „Das Schloss?“ — „Von aussen.“ — „Königstein?“ — „Von weitem.“ — „Pillnitz, Moritzburg ?* — „Gar nicht.“ — „Mein Gott, wie ist das möglich?“ — „Möglich? Mein Freund, das war notwendig!“
Auch über den Nutzen eines häufigen Reisens für sein Ich sprach sich unser Dichter durchsichtig aus. Es sei höchst wichtig, sein In- teresse nicht bloss zu erregen, sondern auch zu unterhalten. „Aber das Kind ist nicht so ekel in der Ernährung als das Interesse. Das Kind begnügt sich mit einer Nahrung, das Interesse will immer eine ausge- suchte, verfeinerte, wechselnde Nahrung. Es stirbt, wenn man ihm heute und morgen vorsetzt, was es gestern und vorgestern genoss. Denn nichts ist dem Interesse so zuwider, als Einförmigkeit und nichts ist ihm da- gegen so günstig als Wechsel und Neuheit. Daher macht uns das Reisen so vieles Vergnügen, weil mit den immer wechselnden Stand- orten auch die Ansichten der Natur immer wechseln, und daher hat über- haupt das Leben ein so hohes, ja das höchste Interesse, weil es gleich- sam eine grosse Reise ist, und weil jeder Augenblick etwas Neues herbei- führt, uns eine neue Ansicht zeigt oder eine neue Aussicht eröffnet.“
Deutlicher lässt sich der Assoziationswiderwille des Belasteten kaum mehr beschreiben. als in diesen Worten eines Sehers. Wie das Leben überhaupt nur erträglich wird, wenn jederzeit neue Verknüpfungen stattfinden, weil dauernde Bindung des eigenen Ichs bald unleidlich würde. Daher auch die stete Ruhelosigkeit des Hereditariers trotz tiefster Sehnsucht nach Rast und Frieden. Die Sage vom ewigen Juden dünkt mich wie gemünzt auf den schwer Belasteten, der, ständig von einem Gegenstand zum andern hastend, doch kaum ein innigeres Bedürfnis kennt, als das nach absoluter Ruhe. „Nichts als Schmerzen gewährt mir dieses ewig bewegte Herz, das wie ein Planet unaufhörlich in seiner Bahn zur Rechten und zur Linken wankt, und von ganzer Seele sehne ich mich, wonach die ganze Schöpfung und alle immer langsamer und langsamer rollenden Weltkörper streben, nach Ruhe!“ Ruhe tönt es aus fast sämtlichen Pariser Briefen wieder, Sehnsucht nach ihr scheint jede einzelne Zeile zu atmen, und im Grunde genommen ist auch sein ganzer ewiger Reisedrang nur Ruhesuchen
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vor dem eigenen, so überaus unerträglichen Ich. „Meine heitersten Augenblicke sind solche, wo ich mich selbst vergesse.“ „Und doch“, fügte er alsbald fragend hinzu, „gibt es Freude ohne ruhiges Selbst- bewusstsein ?“
Der Widerwille des Schwerbelasteten gegen eine dauernde lIch- Verknüpfung beherrscht auch Kleists Verhalten zum Weib. Von 1797— 1811, also im Zeitraum von bloss 14 Jahren, zähle ich nicht weniger als 9 verschiedene Frauengestalten, die trotz aller Menschen- und Geselischaftsscheu des Dichters ihm tieferes Interesse eingeflösst haben. Doch hat ihm keine schwerere Herzenswunden geschlagen — zum Heile des Dichters wie all dieser Mädchen. Denn erfahrungsgemäss macht der Hereditarier ein Weib nie glücklich, schon darum, weil es ihm unmöglich ist, für die Dauer bei einem Weib auszuharren. „Du hättest ein so ruhiges Schicksal verdient,“ schrieb Kleist z. B. an Wilhelmine. „Warum musste der Himmel Dein Los an einen Jüngling knüpfen, den seme seltsam gespannte Seele ewig-unruhig bewegt?“ Unsere Literarhistoriker, die rückschauend überblicken, was Heinrich von Kleist in seinem fürderen Leben geleistet, haben da gut hinterdrein wohlfeile Lehren von sich zu geben und alle Schuld auf die Braut zu wälzen. So aber stand die Sache damals nicht. Wenn jene Verlobung in die Brüche ging, so geschah es einzig aus Schuld des Bräutigams. Denn dieser damals 23jährige Jüngling war zwar im stande, ohne ein Wort des Abschieds, ja, selbst ohne nachträgliche volle Aufklärung für Monate sich von der Braut zu entfernen, doch geleistet hatte er zu jener Zeit noch nicht das geringste und die künftige Grösse ver- mochte niemand, ja vielleicht er selbst nicht vorauszuahnen. Wohl aber hatte sich der nämliche Jüngling stets mit Händen und Füssen gegen jede feste Stellung gesträubt, hatte sein Vermögen nach und nach verzettelt und für seine Zukunft die abenteuerlichsten Pläne aus- geheckt, denen eins nur gemeinsam: die absolute Undurchführbarkeit. Und dieser gärende, unreife Jüngling stelli der Geliebten Forderungen, wie sie derart wohl kaum je ein Mädchen erfüllt hat. So vertröstet er die Braut: „Warte fünf, warte zehn Jahre, dann wirst Du mich mit Stolz umarmen können.“ Ein andermal kommt er mit dem kindischen Vorschlag, die Kantsche Philosophie nach Frankreich zu verpflanzen oder durch deutschen Sprachunterricht daselbst einen reichlichen Lebens- unterhalt für beide zu verdienen. Am Schlusse aber wirft sein Gehirn gar die Blase auf, sie, die preussische Generalstochter, solle Heimat, Eltern und Wohlstand auf Nimmerwiedersehen verlassen, um an seiner Seite — Bäuerin zu werden! Und mit welcher Rücksichtslosigkeit geht unser Kleist dabei zu Werke! Nicht nur, dass er absolute Geheimhaltung verlangt, selbst vor den nächsten Angehörigen, so wartet er nicht einmal ihre Zustimmung ab trotz alles Versicherns,
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seine Liebe werde auch im Weigerungsfalle nicht kleiner werden. ja, ihr Einverständnis sei ein Haupterfordernis seines Planes. Als Wilhelmine liebevolle Einwendungen macht, versucht er noch ein einzig Mal, sie zu überzeugen, dann aber schweigt er fünf Monate völlig, trotz aller zärtlichen Briefe jener und trotzdem er selbst bald den Plan als un- durchführbar erkennen muss. Ein schnöder, grausamer Abschiedsbrief ist die letzte Äusserung des Verlobten. Überblickt man nochmals Verlauf und Ausgang dieses Verlöbnisses, so muss man bekennen, es nahm ein Einde, nicht weil die Braut zu kleinlich geartet, sondern weil neben später noch zu besprechenden psychischen Motiven ihr Bräutigam ein schwerer Hereditarier war und solche Unglückliche zur Ehe nicht taugen. Und hätte Wilhelmine sich jenen Kindereien selbst aufgeopfert, früher oder später hätte sie der Assoziationsflüchtling sicher im Stiche gelassen! Man kann die Handlungsweise des Dichters aus Motiven und Belastung heraus begreifen, durch die absolute Naturnotwendigkeit vielleicht sogar noch entschuldbar finden, doch hüte man sich, den Unglücklichen dadurch reinwaschen zu wollen, dass man eine Unschul- dige fälschlich bezichtigt!
Sämtliche vorerwähnten Projekte entspringen einem Belastung direkt erweisenden Stigma. des Dichters vollständiger Unfähigkeit näm- lich, bei irgendeinem Berufe auszuharren. Was hat er nicht alles erreichen und praktizieren wollen! Er war nacheinander Soldat und Student, Lehrer seiner Verwandten und Volontär bei der technischen Deputation, Dichter und Staatsdiener, Zeitungsgründer und Redakteur. Zwischendurch vielfache Reisen mit nebelhaften Zielen — im Jahre 1805 erwog er gar die Absicht, mit zweien seiner Freunde „ein Schiff auf der Ostsee zu nehmen“ und nach Neuholland zu segeln — und allerlei phantastisch ausgeheckte Pläne, wie z. B. in Frankreich als Lehrer der kantischen Philosophie oder der deutschen Sprache zu wirken, Bauer, Universitätsprofessor, Theaterdirektor und selbst Tischler zu werden. Kurz vor seinem Tode taucht endlich der absonderliche Gedanke in ihm auf, die Kunst auf ein Jahr oder noch länger ruhen zu lassen, einiges in den Wissenschaften nachzuholen, sonst aber sich bloss mit Musik zu befassen, dieser „Wurzel oder algebraischen Formel aller übrigen Kunst‘. Am schärfsten verabscheut der Dichter den Staatsdienst mit seiner all- seitigen Gebundenheit. Da hat er tausend Gründe, kein Amt anzunehmen, die alle natürlich bloss Vorwände sind. Dem wahren Motiv des un- heilbaren Assoziationswiderwillens kommt er nur einmal in der Brief- stelle nahe: „Ich fühle mich ganz unfähig, mich in irgendein kon- ventionelles Verhältnis der Welt zu passen“. Wenn etwas ihn noch anlocken mochte, so war es, wie so häuflg bei Hereditariern, die akademi- sche Karriöre mit ihrer völligen Lehrfreiheit, oder die Laufbahn eines Schriftstellers, also beides Berufe, die einen raschen Wechsel des Gegen-
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standes ermöglichen. Denn mächtiger als sämtliche Fähigkeiten, stärker als Genie und Dichterkönnen war der Widerwille in Kleist entwickelt; sein Ich mit irgendetwas dauernd zu verknüpfen. Wie sagt er nur einmal wunderbar treffend: „In mir ist nichts beständig, als die Un- beständigkeit“.
Mich dünkt dies auch der Hauptgrund zu sein für alle Mals- losigkeit seines Empfindens, Strebens und Handelns. Wenn Kleist sich auf irgendeinen Gegenstand warf, dann tat er dies allzeit mit starkem Überschuss von Krafteufwand, gewissermaßen mit psychischer Ataxie. Schon der Knabe erwies sich als „nicht zu dämpfender Feuergeist, der selbst bei Geringfügigkeiten der Exaltation anheim fiel und immer un- stät war“. An der Universität studierte dann Kleist stets unendlich viel und einfach mafslos. In Frankfurt z. B. hatte er so zahlreiche Kollegien inskribiert und sich soviel Arbeit aufgeladen, dass sie selbst dem Professor allzuviel dünkte und er rühmen durfte: „Wenn ich sie dennoch trage, dann kann ich mit Recht behaupten, ich hätte fast Un- mögliches möglich gemacht“. Die nämliche Überschwänglichkeit er- weist er ferner im Lieben und Dichten, wie in seinem Ehrgeiz. Das Weib, dem er seine Neigung gab, das sollte fürder keinen anderı Ge- danken haben, als nur an ihn, und wie er sich Goethe gegenüber ver- hielt, wie hoch er im Drama himmelwärts wollte, das habe ich eingangs schon dargelegt. Sein Ehrgeiz war tatsächlich direkt krankhaft, wie er bereits Freunden und Bekannten erschien. Auch hat ihn der Dichter in tiefster Seele selbst schmerzhaft empfunden. „Ruhe vor den Leiden- schaften!“ ersehnt er sich häufig mit wahrer Inbrunst, und in Selbst- erkenntnis fügt er hinzu: „Der unselige Ehrgeiz ist ein Gift für alle Freuden!“ Als ihm aber durchaus sein höchster Wurf nicht gelingen wollte, die Rechtfertigung seines hochmütigen Goethe-Worts: „Ich werde ıhm den Kranz von der Stirne reissen!“ — da stürzte er fort, den Schlachtentod zu sterben. Seiner Schwester schrieb er darüber bezeichnend: „Der Himmel versagt mir den Ruhm, das grösste der Güter der Erde; ich werfe ihm wie ein eigensinniges Kind alle übrigen hin!“ —
Wir können heute mindestens zum grossen Teile all diesen Un- gestüm seines - Trachtens aus dem Verknüpfungswiderstand erklären. Denn wenn Kleist sein Ziel nicht bald erreichte, dann, wusste er wohl, erreichte er’s niemals! Drum stürmte er stets mit vollem Dampf vor, eh’ jener Widerwille Zeit noch hatte, sich einzunisten. Und so un- gemessen sein Hoffen stets war, so unendlich andrerseits die Tiefe der Enttäuschung, wenn der erste Anlauf nicht zum Ziele führte. Denn ruhiges Fortschreiten, ein @leichgewicht von Wollen und Können, das gab es nun einmal nicht für diesen schweren Hereditarier. Entweder mit Jupiters Adler in den Himmel fliegen, oder, im Mark gebrochen,
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in den Orkus hinunter! „Die Hölle gab mir meine halben Talente“, schreit seine verzweifelte Seele auf, „der Himmel schenkt dem Menschen ein ganzes oder gar keins!“
Es sei zum Schlusse hervorgehoben, dass die meisten dieser Be- lastungszeichen späterhin noch eine andere Beleuchtung erfahren werden von psychosexueller Seite her. Das ist nun nicht etwa als Widerspruch zu nehmen. Denn bloss die allerwenigsten Symptome sind völlig ein- deutig, einzig der angeborenen Anlage, i. e. der Belastung, Ursprung verdankend. In der Regel gewinnen sie ihre spezifische Form und Farbe noch durch die seelischen Komponenten, die für Kleist kaum minder wichtig zu heissen. Immerhin bleibt genug des Besondern übrig, wo keine andere Erklärung zu finden, denn angeborene schwere Belastung ').
u.
Nächst der Belastung wird Kleistens Leben von einem zweiten Faktor beherrscht, der, nicht minder wichtig, gar viele seiner Seltsam- keiten erklärt, auch des Dichters unselig-vorzeitiges Ende. Ein glück-
!) Ich muss dies deshalb nachdrücklich betonen, weil von ärztlich-literarischer Seite neuestens der Versuch gemacht ward, eine der übel berufenen „Rettungen“ auch bei unserem Dichter zu inaugurieren. Freilich hat Rahmer mit seinem Ver- such, in Kleist den königlich-preussischen Normaldichter zu entdecken, gar nirgends Gegenliebe gefunden. Just hei unserm Poeten ist das Pathologische doch gar zu grell in die Augen springend. Allein S. Rahmer weiss sich zu helfen. Es hat zwar ausnahmslos jeder noch, der mit Kleist persönlich in Beziehung trat — ich nenne aufs Geratewohll Wilhelmine von Zenge, Pfuel, Wieland und Zschokke, Tieck und Goethe — das Pathologische in ihm geschaut und ver- meldet, allein fast hundert Jahre später dekretiert ein Literarhistoriker, dass sie an ihm „wohl Eigenheiten und Absonderlichkeiten erwähnen, aber nichts von krank- haften Zügen“. Es sind des weitern ein: Fülle von sicher pathologischen Einzel- zügen berichtet, die wertvoll und schätzber zumal bei einem Dichter sind, von dessen Leben wir so wenig wissen, doch Rahmer entscheidet: „Die anekdoten- haften Berichte tragen mehr oder weniger den Stempel der Unwahrhaftigkeit und Entstellung an sich“, weil er in einem einzisen dieser Fälle Unrichtigkeiten nach- weisen kann. Es sprechen dann endlich auch Kleistens Briefe eine beredte Sprache, nur Rahmer findet, die Briefe an die Schwester und Braut — nebenbei die einzigen an bestin mte Personen, die in uennenswerter Zahl erhalten sind — diese Briefe also seien „nur zu Studienzwecken geschrieben“. ihr Inhalt bloss „philosophische Exertitien‘, viele Briefe „wesentlich stilistische Übungen“. Was also wie patho- logisch aussähe, sei unzuverlässig, hingegen bewiesen die Gesundheit des Dichters seine Werke (!), obendrein vollends Kleistens Werke! Auf solche Art freilich lässt sich alles beweisen. Es ist jammerschade, dass Rahmer, dem die Kleist- Literatur soviele wertvolle Einzelfunde dankt, sich derartig einseitig verrennen konnte.
Heinrich von Kleist. 13
licher Brieffund der allerjüngsten Zeit hat über jedweden Zweifel ge- stellt, was der Fachmann eigentlich lange schon ahnte, ohne dass es irgend erweisbar gewesen. Heinrich von Kleist hat nämlich in seinem Liebesleben eine stark vortretende homosexuelle ) Komponente, d. h. lebhafte erotische Neigungen zum eigenen Geschlechte. Man muss sich nur hüten, wenn ich von solchen Neigungen spreche, etwa sofort Päderastie zu vermuten, oder irgend andere grobsinnliche Be- tätigung. Es ist uns davon auch nicht das Allergeringste bekannt, ja solches erschiene nach allem, was wir wissen, ganz unwahrscheinlich. Hingegen lässt sich strenge erhärten, dass Kleist sein eigenes Ge- schlecht geliebt hat, und zwar unzweifelhaft sexuell, wenn er sich dessen auch niemals bewusst war und schwerlich je Anlass gegeben hätte zu einer Verfolgung nach einem modernen Urningsparagraphen.
Wem diese Behauptung zu blasphemisch klingt und von Haus aus unbedingt abzulehnen, sowie man z. B. selbst wahre Tatsachen des Familienlebens nicht unter Gerichtsbeweis stellen darf, der möge be- denken, dass wir heute über das Geschlechtsempfinden sämtlicher Menschen ganz anders denken, als etwa noch vor wenigen Jahren. Wir wissen ganz sicher, dass die Homosexualität durchaus nicht eine Verworfenheit darstellt und etwas, das nur ganz wenigen perversen Individuen eigen, sondern dass dies gleichgeschlechtliche Empfinden aus- nahmslos jeglichem Menschen zukommt, dem Mann wie dem Weib ın irgendeiner Epoche des Lebens. Nur natürlich nicht in den reifsten Jahren, da die ungeheure Mehrheit sämtlicher Menschen sich bloss dem andern Geschlechte zukehrt. Ganz anders liegt die Sache, wenn man die frühern und spätern Epochen unseres Lebens, das Greisenalter, die Kindheit und Pubertät heranzieht. Vor allem die letztere bietet Erscheinungen, die jedem Laien geläufig sind, wenn auch in der Regel falsch gedeutet. So ist uns vertraut, dass Jünglinge und Jungfrauen die schwärmerischesten „Freundschaften“ pflegen, an gleichgeschlechtliche Individuen die allerglühendsten Briefe richten, die sich von echten Liebesbriefen in gar niehts unterscheiden — dieweil sie einfach das näm- liche sind. Wir wissen, dass solche in Küssen, Liebkosungen, Um- armungen und heissen Liebesbeteuerungen sich gegenseitig nicht genug tun können, mit einem Worte sich so benehmen, wie Liebende ver- schiedenen Geschlechtes. Und es sind auch Liebende, bloss unter der Maske schwärmender Freundschaft. Was nun schon jedem Normal- menschen eignet, besitzen in noch weit höherem Grade sowohl Neu-
1) Homosexuell soviel wie gleichgeschlechtlich, davon Homosexualität die Liebe zum eigenen Geschlechte. Der männliche Homosexuelle heisst auch Urning. die weibliche Urninde, bisexuell = doppelgeschlechtlich, also für Mann und Weib empfindend. Masturbation = Onanie = Sulbstbefleckung.
14 J. Sadger;
rotiker und Geisteskranke, als Dichter und’ Künstler in ihrer den Durch- schnitt stets weit überragenden Erotik. Re
Auch bei Heinrich von Kleist tritt dies in besonderem Malse hervor, was besser als Worte nachfolgende Briefstellen erweisen mögen. Am 7. Januar 1805 richtet unser Dichter an Ernst von Pfuel ein längeres Schreiben, in welchem einige wichtige Sätze schlechterdings nicht mehr misszuverstehen sind. „Du übst, Du guter, lieber Junge mit Deiner Beredsamkeit eine wunderliche Gewalt über mein Herz aus“, beginnt dasselbe, „und ob ich Dir gleich die ganze Einsicht in meinen Zustand selber gegeben habe, so rückst Du mir doch zu- weilen mein Bild so nahe vor die Seele, dass ich darüber, wie von der neuesten Erscheinung von der Welt, zusammenfahre ..... Warum kann ich Dich nicht mehr als meinen Meister verehren, o Du, den ich immer noch über alles liebe? -- Wie flogen wir vor einem Jahr einander in Dresden in die Arme!.... So umarmen wir uns nicht wieder.... Damals liebten wir in einander das Höchste in der Menschheit.... Wir empfanden, ich wenigstens, den lieblichen Enthusiasmus der Freundschaft! Du stelltest das Zeitalter der Griechen in meinem Herzen wieder her, ich hätte bei Dir schlafen können, Du lieber Junge, so umarnıte Dich meine ganze Seele! Ich habe Deinen schönen Leib oft, wenn Du in Thun vor meinen Augen in den See stiegest, mit wahrhaft mädchen- haften (von Kleist unterstrichen) Gefühlen betrachtet. Er könnte wirklich einem Künstler zur Studie dienen. Ich hätte, wenn ich einer gewesen wäre, vielleicht die Idee eines Gottes durch ihn empfangen. Dein kleiner, krauser Kopf, einem feisten Halse aufgesetzt, zwei breite Schultern, ein nerviger Leib, das Ganze ein musterhaftes Bild der Stärke, als ob Du dem schönsten jungen Stier, der jemals dem Zeus geblutet, nachgebildet wärest Mir ist die ganze Gesetzgebung des Lykurgus und sein Begriff von der Liebe der Jünglinge durch die Empfindung, die Du mir geweckt hast, klar geworden. Komm’ zu mir! Höre, ich will Dir was sagen.... Man wird mich gewiss, und bald, und mit Gehalt an- stellen; geh’ mit mir nach Anspach und lass uns der süssen Freund- schaft geniessen. Lass mich mit all diesen Kämpfen etwas erworben haben, das mir das Leben wenigstens erträglich macht. Du hast in Leipzig mit mir geteilt oder hast es doch gewollt, was gleichviel ist; nimm’ von mir ein Gleiches an! Ich heirate niemals, sei Du die Frau mir, die Kinder und die Enkel!.... Nimm meinen Vorschlag an. Wenn Du dies nicht tust, so fühle ich, dass mich niemand auf der Welt liebt. Ich möchte Dir noch mehr sagen, aber es taugt nicht für das Briefformat. Mündlich ein Mehreres. Heinrich von Kleist“.
„Du stelltest das Zeitalter der Griechen in meinem Herzen wieder her, ich hätte bei Dir schlafen können, Du lieber Junge“, ‚ich habe Deinen schönen Leib oft, wenn Du in den See stiegest, mit wahrhaft mädchen-
Heinrich von Kleist. 15
haften Gefühlen betrachtet“, „die Gesetzgebung des Lykurgus und sein Begriff von der Liebe der Jünglinge ist mir durch Dich klar geworden‘, „lass mich der süssen Freundschaft geniessen“, „ich heirate niemals, sei Du die Frau mir“ — das sind wirklich Stellen, die Kleistens homo- sexuelles Empfinden mindestens Ernst von Pfuel gegenüber un- zweifelhaft dartun. Nun stehen diese Äusserungen nicht allein, wenn auch kein zweiter publizierter Brief so unverkennbar spricht. Hingegen wird, nachdem das gleichgeschiechtliche Empfinden unseres Dichters einmal feststeht, gar manches, was bisher in seinem Leben unverständ- lich war, nunmehr durchsichtig.
Bevor ich dies jetzt im Einzelnen durchführe, sei noch mit Nach- druck hervorgehoben, dass Kleist wie so vielen andern Urningen seine Homosexualität ganz unbewusst war und geblieben ist, trotzdem sie sein Schicksal weit mehr entschied, als die Liebe zum Weibe. Zeitlebens hat er Freundschaft dort zu empfinden geglaubt, wo zweifellos stärkste Liebe bestand, ja deutlich sexuelles Empfinden. Wähnte er doch, wie selbst heutigen Tages die meisten Menschen, es sei dem gleichen Ge- schlechte gegenüber nur „Freundschaft“ möglich und bloss zum andern wirkliche „Liebe“. Einmal nur, da er die Zenge just „liebte“, klingt es wie halbe Erkenntnis durch: „Wahre, echte Freundschaft kann fast (von Kleist unterstrichen) die Genüsse der Liebe ersetzen. — Nein, das war doch noch zuviel gesagt; aber viel, sehr viel kann ein Freund tun, wenn die Geliebte fehlt. Wenigstens gibt es keine anderen Ge- nüsse, zu welchen sich die Liebe so gern herabliesse, wenn sie ihr ganzes Glück genossen hat und auf eine zeitlang feiern muss, als die Genüsse der Freundschaft“.
Der. erste, für welchen Kleist nachweisbar in Liebe entbrannte, war ein junger Hauslehrer, Christian Ernst Martini, der unseren Dichter, wir wissen nicht von welchem Kindheitsjahre ab, doch sicher nicht länger als bis zum zehnten, zusammen mit einem Vetter unter- richtete. Martini besass nicht bloss die Achtung seiner Zöglinge, sondern wie’s bei dem richtigen Lehrer notwendig, auch deren aus- gesprochene Liebe. Während aber Jung-Heinrich nicht rasch genug vorzustürmen vermochte, blieb sein sehr wenig begabter Vetter trotz besten Willens und eisernen Fleisses doch immer zurück, was den ohne- hin zu Tiefsinn und Schwermut Neigenden noch unglücklicher machte. Oft warf er sich nach beendeter Stunde dem Lehrer bitterlich schluchzend an die Brust, der dann immer von neuem zu trösten und aufzurichten hatte.
Auch Heinrich von Kleist hing durch viele Jahre in heisserer Liebe an Christian Martini, als sonst einem ersten Elementarlehrer entgegengebracht wird. Diese Liebe lässt sich nicht schlechtweg abtun als der übliche Einfluss eines Magisters auf seinen Schüler. Wo eine der-
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artig tiefgehend - nachhaltige Wirkung entsteht — und sie ist weit häufiger als die Laien meinen — spielt immer direkte Verliebtheit mit. Nur aus Liebe lernt man mit höchstem Aufwand, aus Liebe nimmt man des anderen Meinungen blindlings an und identifiziert sich in Tun und Lassen mit dessen Lehren. In den Psychoanalysen neurotischer Per- sonen entdeckt man nicht selten, dass das Wort eines heissgeliebten Lehrers entscheidend für ein ganzes Leben lang wird. Auch bei Heinrich von Kleist wirkt Vorbild und Weisung jenes Kindheits- instruktors weit über ein volles Jahrzehnt hindurch nach und, wie ich gleich hier einfügen will, nur dieses Lehrers, des heissgeliebten, nicht irgendeines der vielen spätern. Solange bleibt jener, der ihn doch eigentlich bloss die Volksschulzeit unterwiesen, schriftlich und mündlich Ratgeber ihm in allen wichtigen Dingen des Lebens. Bezeichnend für die grosse Innigkeit dieses Verhältnisses ist folgende Episode: „Als eines Abends Martini eın Konzert in Frankfurt a. 0. verlässt, fühlt er sich plötzlich hinterrücks einen traulichen Schlag auf die Schulter gegeben. Er erschrickt, sieht sich um und gewahrt den in einen weiten Reitermantel gehüllten Kleist, welcher ihm in grösster Aufregung mit- teilt, wie er nun endlich seinen Abschied erhalten habe und in Frank- furt studieren wolle. Er war, den Abschied in der Tasche, im Fluge von Berlin dahergeritten, hatte den ehemaligen Lehrer in seiner Be- hausung vergebens aufgesucht, um ihn von seinem Glück in Kenntnis zu setzen, und verschwand, nachdem er ihn im Konzert gefunden, wieder ebenso hastig, als er gekommen war“.
Weit über ein Jahrzehnt, wie ich vorhin sagte, ist Martinis Einfluss nachzuweisen durch Kleistens ganze Jugend hindurch, deren Idealen er Richtung gibt. Den Jüngling bestimmt er, den Soldatenrock auszuziehen und Student zu werden, bestimmt sein Benehmen den Schwestern gegenüber wie deren Freundinnen in Frankfurt, beherrscht entscheidend sein Verhältnis zur Braut und währt just solange, bis er abgelöst wird von einer zweiten grossen Liebe zu Ludwig v. Brockes.
Was hatte nun Martini den Sehüler gelehrt? Vor allem war er ein trefflicher Lehrer, der einen unstillbaren Wissensdurst in Kleistens Feuerseele entfachte. Schon der Knabe konnte sich nicht genug tun, wo es galt, seine Kenntnisse zu bereichern. Er stürmte als echter Schwerbelasteter immer rastlos fort und trieb zum Weiterlernen eifrigst an, seinen schwächern Vetter zur Verzweiflung bringend. Auch als Militär war Kleist seinem eigenen Worte zufolge immer mehr Student als Soldat gewesen und. da er die Universität bezog, übernahm er sich wieder derart im Studieren, dass manche, die ihn kannten, die Be- fürchtung aussprachen, er werde seine Begriffe, statt sie zu berichtigen, eher verwirren. Gleichzeitig spielte er vor den Schwestern und deren Freundinnen selber den Lehrer, unterrichtete sie eifrigst in ihrer ver-
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nachlässigten Muttersprache, trug aus Dichtern vor und las den Mäd- ehen sogar ein Kolleg über Kulturgeschichte, zu welchem er sich eigens ein ordentliches Katheder bauen liess. Ja, „er betrieb dies Geschäft mit solchem Ernste, dass, als einmal eine seiner Zuhörerinnen auf einen vorübergehenden Zug aufmerksamer als auf ihn war, er plötzlich sehr erzürnt abbrach und seine Vorlesungen auf lange Zeit einstellte, um sich nur erst: nach vielen Bitten und mit vieler Mühe zu ihrer Fort- setzung überreden zu lassen‘.
Ehe ich auf den bisher noch wenig gewürdigten Einfluss Martinis auf Kleists Verlöbnis mit der Zenge eingehe, seien vorerst zwei andere Punkte erledigt. Zunächst hat auch Kleist dem Allzumensch- lichen in seiner Natur den vielleicht notwendigen Dichtertribut ent- richten müssen. Von erfahrenster Seite ist: festgestellt worden, dass beinshe ausnahmslos sämtliche Menschen in irgendeiner Epoche ihres Lebens, gewöhnlich in der Kindheit oder Pubertät der Masturbation, den bezeichnend so genannten „Jugendsünden“ zu opfern pflegen. Das ist nun bei Dichtern nit ihrer von Haus aus gesteigerten Erotik natür- lich um so sicherer, was wir z. B. von Goethe, Lenau und Heinrich von Kleist aus ihren eigenen Geständnissen wissen. Ich würde diesen Punkt nicht näher berühren, wirkte er nicht durch Jahre bedeutsam nach, die Geistesrichtung des Dichters beherrschend. Die Reaktion der verschiedenen Menschen, wenn sie sich von ihrer Verirrung abwenden, ist sehr verschieden und durchaus kennzeichnend für ihren Charakter. Während viele sie so gut wie spurlos verwinden ohne tiefere Beteiligung ihres Gemüts, wie die Masern etwa, die auch eine allgemeine Kinder- krankheit sind, erhalten wieder andere, zumal neuropathische Individuen hiervon für lange einen schweren Hieb. Mindestens quälen sie jahre- lang heftige Selbstvorwürfe, nicht selten jedoch weit schwerere, ob auch nur nervöse Symptome, auf welche ich hier nieht des Näheren eingehe. Heinrich von Kleist gehört dieser letzteren Gattung an. Aus einem Briefentwurf Ludwig von Brockes, den Rahmer publizierte!), geht mit zweifelloser Deutlichkeit hervor, dass den Dichter diese „Ver- irrungen seiner Jugend“ durch Jahre bedrückten, ja schwermütig machten, bis er sich endlich, und sicher aus homosexueller Liebe, dem älteren Freunde offenbarte. Noch eins enthüllt jenes wichtige Schriftstück: die Art, wie Kleist zur Onanie gekommen, die Wandlungen, die sie in seiner Seele hervorgerufen hatte, ja, was er an direkt somatischen Ver- änderungen dieser zur Last legt.
„Es war wohl gewiss nicht Deine Schuld“, beruhigt hier der Freund, „dass man entweder zu sorglos in der Wahl Deines Umganges oder
2) Er ist freilich erst unmittelbar vor der Würzburger Reise geschrieben worden, gibt aber fraglos Antwort und Trost auf die Selbstanklage unseres Dichters aus früheren Tagen.
Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens. (Heft LXX.) 2}
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nicht bemüht genug war, den schädlichen Wirkungen desselben, die man als sehr wahrscheinlich hätte voraussehen müssen, vorzubeugen und sie zu entkräften. Du hast es an Dir selbst erfahren, wie mannig- fach die Sophistereien sind, wodurch die aufgeregte Sinnlichkeit der Jugend ıhre Befriedigung mit: der Vermeidung der gefährlichen Folgen derselben zu vereinigen hofft, und wenn sie nicht hinreichend über alles, was dahin gehört, unterrichtet wird, fast immer ein Opfer ihres Irrtums und der Verführung sein muss. Nimm ferner Deine besondere Lage, die so wenig Hoffnung Dir gab, rechtmässigerweise eine so mächtige Neigung wie diese zu befriedigen und schon an dieser Hoffnung einen nicht unbedeutenden Widerstand verlor; Deine äusseren Vorzüge, welche die Verführung reizen mussten, wie Du so oft es erfuhrst; Dein Tempe- rament, die Weichheit und Zärtlichkeit Deines Herzens, das so lange Dich in dem Irrtum liess, als wenn es nur rechtmässige Wünsche nährte, und dann plötzlich zu spät es inne ward, dass es sich selbst betrogen hatte. Sollte es viele geben, die unter gleichen Umständen stärker sein können, als Du es warst?“
Also Kleist war ein Opfer der Verführung geworden, welche seine körperliche Schönheit reizte; er hatte sich erst durch Sophismen getröstet, wie noch heute selbst Ärzte, es sei die Onanie im Grunde das Harmloseste, ein unstillbares Verlangen zu trösten; endlich aber waren die peinlichsten Selbstvorwürfe erwacht, wie zumal aus dem weiteren Schreiben hervorgeht, auf das ich noch später zurückkommen werde.
In die militärischen Pubertätsjahre fällt noch ein anderes wichtiges Erlebnis, welches klar erweist, dass Kleist auch früh für das Weib Empfindungen der Liebe nährte, also ausgesprochen bisexuell war, wenn auch mit stark vortretender Neigung zum eignen Geschlechte. Dazumal hatte ein Fräulein von Linkersdorf sein Herz gewonnen und, als dies Verhältnis wieder zurückgeht, vernachlässigt Kleist fortab sein Äusseres, zieht sich von allen Menschen zurück und wirft sich der Philosophie in die Arme, was uns von Neurotikern wohl vertraut ist. Wer früher der Sinnlichkeit allzusehr fröhnte, sei es in Wirklichkeit oder Phantasien, hofft sie nicht selten los zu werden durch Beschäftigung mit übersinnlichen Problemen, mit Metaphysik und Philosophie, eventuell auch jener exakten Wissenschaft, die scheinbar am wenigsten Sinnliches hat, der reinen höheren Mathematik. Wie wenig dies freilich Abhilfe bringt und sich die Sinnlichkeit trotz alledem durchsetzt, das wissen wir aus den Psychoanalysen unserer Neurotiker und finden’s von neuem bei Kleist bestätigt.
So hat dieser z. B, wieder mit einem Geliebten zusammen, Rühle von Lilienstern, bei Korrektor Bauer Unterricht in der Geometrie angefangen, auch das Wiederholung des Vorbildes Martini. bei dem er zusammen mit dem Vetter lernte. Doch Bauer glich leider durch-
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aus nicht dem Vorbild, sondern blieb seinen Schülern allezeit herzfremd. Und als Kleist nun einst Beweis führen sollte, dass auch irrationale Verhältnisse der Linien wie rationale angesehen werden könnten, da war er auf einmal dazu nicht imstande, und konnte es auch nach des Lehrers Erklärung durchaus nicht begreifen, weil, wie ich vermute (nach Analogie mit andern Neurotikern), sich Sexuelles dazwischen drängte: Im Augenblick war sein Entschluss gefasst, nach Frankfurt zu gehn und dort der Wissenschaft im Allgemeinen obzuliegen, doch beileibe nicht etwa einem Brotstudium. Ganz unbewusst spielte wohl auch ein heimliches Hoffen mit, unter den vielen Professoren der Universität, deren Vorlesungen er als echter Belasteter im Übermass hörte — man denke auch an Kleist’s rastloses Vorstürmen schon unter Martini — einen besseren Lehrer für sein Herz zu finden, Auch wusste er sich dort Halbschwester Ulrike, die seit frühester Kindheit unter all den Seiuen ihm am nächsten stand, dieweil sie in puncto geschlechtlicher Artung nichts anderes war als Kleist ins Weibliche transponiert, und homo- sexuell gleich dem grossen Bruder „Du, mein liebes Ulrikchen, er- setzest mir die schwer zu ersetzende und wahrlich Dich ehrende Rolle meiner hochachtungswürdigen Freunde zu Potsdam*, schreibt ihr der Dichter, „Ich scheue mich auch nicht, Dir zu gestehen, dass die Aussicht auf Deine Freundschaft, so sehr ich sonst andere Universitäten zu beziehen wünsche, mich dennoch, wenigstens zum Teil, bestimmte, meinen Aufenthalt in Frankfurt zu wählen.*
In einer vor kurzem publizierten neurologischen Arbeit!) verwies ich auf die merkwürdige Tatsache, dass in den Familien Homosexueller sich regelmäßig Verwandte finden, die neben den Merkmalen des eigenen Geschlechtes auch manche des andern sehr deutlich zeigen. Das ist bei Kleist und Schwester Ulrike ganz unverkennbar. Wer z. B. das Miniaturbild von Krüger unbefangen prüft, der wird erstaunen über das Kindliche und Mädchenhafte in des Dichters Zügen. „Die weiche Rundung des Gesichts spielt fast ins Weibliche hinüber“, urteilt z. B. schon Adolf Wilbrandt.
Ulrike hinwieder trug in der Fremde meist Männerkleidung, ja diese Vorliebe war sicher neben ihrer Belastung ein Hauptgrund der Leidenschaft, immer zu reisen. Man kann dies nicht, wie es Rahmer getan, als etwas abtun, das in jener Zeit ziemlich häufig gewesen. Mag sein, dass die Frauen jener Tage sich leichter zu Männerkleidung ent- schlossen, allein es waren, wenn wir von den Höchstgeborenen absehn, deren Wille Gesetz ist, doch meist nur solche, die dazu taugten, was der entscheidende Umstand ist, mit anderen Worten: Weiber von männ-
1) „Zur Ätiologie der konträren Sexualempfindung“. Medicin. Klinik 1909, Nr. 2.
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lichem Habitus. Man nehme doch eine Durchschnittsfrau und stecke sie in Männerhosen. An Formen und Haltung, Gebärden und Gang, an tausend Kleinigkeiten des Alltags wird auch der Laie, ohne irgend zu zögern, das Weib in ihr auf der Stelle erkennen. Ulrike hingegen besucht Vorlesungen, ohne dass da irgend jemand ihr Geschlecht durch- schaut, ja weilt durch Monate als Mann in Paris, bis endlich ein blinder Flötenspieler, den ihr Habitus nicht zu betrügen vermochte, sie als Weib erriet. Das ist einfach undenkbar. so Ulrike ein normales Weib gewesen wäre. Schon das beweist, dass sie eine Art virago war, was noch andere Züge reichlich bestätigen. Mit 25 Jahren, in einem noch frühen Alter demnach, erklärt sie bestimmt, trotz aller Überredungs- versuche des Bruders, ewig unvermählt zu bleiben, nie Gattin und Mutter werden zu wollen, und hat dies auch tatsächlich durchgeführt, die einzige unter allen 5 Schwestern. „Sie ist eine weibliche Helden- seele, die von ihrem Geschlecht nichts hat als dıe Hüften, ein Mädchen, das orthographisch schreibt und handelt, nach dem Takte spielt und denkt“, so charakterisiert sie ihr grosser Bruder. Sie habe keinen anderen Fehler, als zu gross zu sein für ihr Geschlecht. Da sie später nach dem Tode des Dichters eine Schule auftat, war sie eine furchtbar gestrenge Erzieherin von eisernem Willen, auch hier von ausgesprochen männlicher Art. Wie Kleist in manchem allzuviel Weib, su Ulrike wieder allzuviel Mann. Drum war sie die Einzige, die sowohl den Belasteten als den Homosexuellen in Kleist begriff, der ihr wiederholt die Versicherung gab: „Du bist die Einzige, die mich versteht, von der ich nicht fürchte, missverstanden zu werden. Ich habe ein unumschränktes Vertrauen zu Dir. Ich schätze Dich als das edelste der Mädchen. Wärest Du ein Mann oder nicht meine Schwester, ich würde stolz sein, das Schicksal meines ganzen Lebens an Dich zu knüpfen.“ Die „pyladisch gesinnte, kluge Schwester“, wie Scheffner sie heisst, war in der Tat die richtige Ergänzung zum femininer veranlagten Bruder.
Doch zurück zu dem Dichter und seiner Übersiedlung nach Frankfurt. Wir besitzen aus jenen Tagen ein Schriftstück, an dem schon der Titel bezeichnend ist, „Aufsatz, den sichern Weg des Glücks zu finden und ungestört, auch unter den grössten Drangsalen des Lebens, ihn zu geniessen“, und weiters einen Brief, der die nämlichen Grundsätze noch einmal ausspinnt. Natürlich sind beide an von Kleist geliebte Männer gerichtet, der erste an Rühle, der zweite an Martini, Aus diesen Schriftstücken, deren Inhalt ich alsbald skizzieren werde, erfahren wir am klarsten, was Kleist unablässig in der Seele wälzte, bis er im Gefolge der Würzburger Reise zu einer neuen Anschauung kam.
Das Glück zu finden und zwar das „wahre, echte Glück*, nicht was die Menschen meist also heissen, ist Ziel und Streben all seines Handelns, auch seines unerwarteten Entschlusses, in Frankfurt zu studieren. „Ich
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nenne nämlich Glück nur die vollen und überschwänglichen Genüsse“, schreibt er an Martini, „die in dem erfreulichen Anschauen der moralischen Schönheit unseres eigenen Wesens liegen. Diese Genüsse, die Zufriedenheit unserer selbst, das Bewusstsein guter Handlungen, das Gefühl unserer durch alle Augenblicke unseres Lebens, vielleicht gegen tausend Anfechtungen und Verführungen standhaft behaupteten Würde, sind fähig, unter allen äusseren Umständen des Lebens, selbst unter den scheinbar traurigsten, ein sicheres, tiefgefühltes, unzerstörbares Glück zu gründen.“ „Das wahre Glück“ aber ist als Belohnung und Er- munterung ausschliesslich an die Tugend geknüpft. „Nur die Tugend allein macht glücklich und der Beste ist der Glücklichste.© Höchstens sei daneben noch „ein sinnliches Glück, und die Aussicht auf tugend- hafte, wenngleich nicht mehr so reine Freuden‘ erlaubt. Ist ja „kein besserer Sporn zur Tugend möglich als die Aussicht auf ein nahes Glück und kein schönerer und edlerer Weg zum Glücke denkbar als der Weg zur Tugend“. Seine „moralische Ausbildung‘ halte er für eine seiner heiligsten Pflichten, der er mit Freude alles opfere.
Fassen wır das Vorstehende zusammen, so erkennen wir deutlich in diesen jugendlichen Schwärmereien die Reaktion auf die Onanie, der der Knabe und Jüngling so oft unterlegen. Wird doch niemand ein solcher Fanatiker der Tugend, der nicht früher allzu untugendhaft Jebte, und das bedeutet ın jenen Jahren nahezu ausnahmslos Masturbation. Daher auch das überschwängliche Glück, wenn sein Ich „moralische Schönheit“ aufweist oder sich gegen tausend Anfechtungen standhaft behauptet. Es lässt sich jedoch jene Reaktion und durch sie natürlich auch der Verdacht auf Masturbation in eine weit frühere Zeit verfolgen. Schon dem 9jährigen Knaben gräbt sich bei Lesung einer Wieland- schen Schrift der Gedanke ein, dass „Vollkommenheit der Zweck der Schöpfung“ sei, was für dieses Alter wohl eine zu frühe Erkenntnis bedeutet, Dass Kleist sie annahm und zeitlebens festhielt, erklärt bloss die Überkompensation auf hochgradige kindliche Unvollkommenheit. Wenn Kleist sich über seine Jugendsünden unglücklich fühlte — und dass dies der Fall war, beweist das Brieffragment von Brockes --- dann folgte naturgemäß die ungeheure Sehnsucht nach einem Glück, das niemand auf Erden zu rauben vermöchte „Ein Traum kann diese Sehnsucht nach Glück nicht sein, die von der Gottheit selbst so unaus- löschlich in unserer Seele erweckt ist und durch welche sie unverkennbar auf ein für uns mögliches Glück hindeutet“, schreibt Kleist an Martini. „Glücklich zu sein, ist ja der erste aller unserer Wünsche, der laut und lebendig aus jeder Ader und jeder Nerve unseres Wesens spricht, der uns durch den ganzen Lauf unseres Lebens begleitet, der schon dunkel in den ersten kindischen Gedanken unserer
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Seele lag und den wir endlich als Greise mit in die Gruft nehmen werden.*®
Bezeichnend ist auch sein Verhältnis zur Tugend, von welcher er offen einbekennt, nicht deutlich zu wissen, was sie eigentlich sei. „Sie erscheint mir nur wie ein hohes, erhabenes Etwas, für das ich vergebens ein Wort suche, um es durch die Sprache, vergebens eine Gestalt, um es durch ein Bild auszudrücken. Und dennoch strebe ich diesem un- begriffenen Dinge mit der innigsten Innigkeit entgegen, als stünde es klar und deutlich vor meiner Seele. Alles, was ich davon weiss, ist, dass es die unvollkommenen Vorstellungen, deren ich jetzt nur fähig bin, gewiss auch enthalten wird; aber ich ahnde noch etwas höheres, und das ist es wohl eigentlich, was ich nicht ausdrücken und nicht formen kann.“ Er tröstet sich damit, dass ihm dies früher noch dunkler gewesen, nach und nach jedoch, seitdem er denke und an seiner Bildung arbeite, auch die Vorstellung der Tugend an Gestalt und Bildung gewonnen habe.
Warum ist jedoch der Begriff der Tugend nicht recht zu packen, warum erscheint sie dem Jüngling derart erhaben und hoch? Ich glaube da nicht irre zu gehen, wenn ich für jenen abstrakten Begriff eine ganz konkrete Persönlichkeit setze, die dann tatsächlich unnahbar hoch steht. Nicht, was Tugend sei, vermag der Dichter so gar nicht zu fassen. sondern wer die Person, welche ihm den Inbegriff der Tugend darstellt. Erst, als er an seiner Bildung arbeitet, d.h. in den Fus- stapfen Martinis wandelt, gewinnt auch die Tugend Gestalt ihm und Form. Wer aber das Urbild dieser gewesen, darauf wird später zurück- zukommen sein.
Hiugegen vermag ich vom Tugendbegriff zumindest die homo- sexuelle Seite näher zu beleuchten. Wozu setzt sich Kleist mit den beiden meistgeliebten Männern, Martini und Rühle. so breit und eingehend auseinander? Es „soll und wird mir“, schreibt er an Martini. „Ihr Vertrauen erwerben, um das ich im eigentlichen Sinne buhle. Den Funken der Teilnahme, den ich bei der ersten Eröffnung meines Planes in Ihren Augen entdeckte, zur Flamme zu erheben, ist mein Wunsch und meine Hoffnung. Seien Sie mein Freund im deutschen Sinne des Wortes, so wie Sie einst mein Lehrer waren, jedoch für länger, für immer!“ Ebenso schreibt er im selben Jahre noch an Ulrike: „Von einer Seele wenigstens möchte ich gern zuweilen ver- standen werden, wenn auch alle anderen mich verkennen. Grosse Ent- würfe mit schweren Aufopferungen auszuführen, ohne selbst auf den Lohn, verstanden zu werden, Anspruch zu machen, ist eine Tugend, die wir wohl bewundern, aber nicht verlangen dürfen. Selbst die grössten Helden der Tugend, die jede andere Belohnung verachteten, rechneten doch auf diesen Lohn.“ Wir werden nicht fehlgehen, wenn
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wir die Sehnsucht nach Verstandenwerden, das Buhlen um Vertrauen, das Flehen um Freundschaft einfach als Bedürfnis der Liebe nehmen.
Auch in dem Verhältnis zu Wilhelmine von Zenge treten Homosexualität und Masturbation bestimmend und unverkennbar zutage. Um vorerst letztere zu erschöpfen, muss ich. vorausschicken, dass die Psychologie der Masturbation trotz aller Häufigkeit dieses Lasters bis heute noch nicht geschrieben ist. Es seien hier einige durch sie be- dingte Charakterseiten, die sich mir bei unserem Dichter aufdrängten, näher beleuchtet. Zunächst ein Zug, der pathognostisch zu heissen ist. Schon in Frankfurt konnte den Dichterjüngling „der geringste Verstoss gegen die Sittlichkeit, ein Blick, eine Miene ausser Fassung bringen“. Das ist weit über das Normale gehend und richtige Masturbantenart. Auch ein Gesunder wird kein besonderes Gefallen finden an irgend- welchen Zoten, nur wird er sich darob nicht so entrüsten. Die über- heftige Reaktion ist Verdacht erregend. Sie erweist besondere Hyper- ästhesie wider das Unzüchtige und findet sich beinahe ausnahmslos als Übergutmachung einer früher geschehenen eigenen Unzucht, fast immer einer früheren Masturbation. Des weiteren pflegt der echte Onanist sein Laster vor aller Welt zu verbergen. Als Reaktion verlangt er nicht selten von Freunden und liebgewordenen Personen Vertrauen, Aufrichtigkeit und absolute Ofenherzigkeit und übt sie auch selber, natürlich bis auf den Verrat der eigenen Verirrung. Je weniger ihn Selbstachtung füllt, desto gieriger heischt er die Achtung anderer, sucht stets, was ein fast pathognostisches Wort, die „wahre“ Liebe, die „wahre“ Treue, eine „wahre, echte“ Hingebung im Gegensatz zur steten eignen Unwahrheit. Er zweifelt gern an der Liebe der andern und hält eine Täuschung immer für möglich, ja direkt wahrscheinlich. Das nämliche Versteckensspiel, wie mit jener eigenen Jugendsünde, wiederholt er gern in den Liebesverhältnissen. Fast jedes Verlöbnis soll aus irgendwelchen vorgeschützten Gründen möglichst lang ‚allen verborgen bleiben. Selbst bis in die Wahl des Lebensberufes erstreckt sich die Überkompensation. Die „reine“ Mathematik, die „reine“ Philosophie sind Lieblingsstudien des unreinen Önanisten !), zumal sie in ihrer Unsinnlichkeit am besten vom Sinnlichen abzulenken scheinen
Bei Heinrich von Kleist bestätigt sich ail dies in selten zu findender Vollständigkeit. Er trachtet bereits als Militär das Studium der reinen Mathematik zu vollenden, daneben will er später besonders Philosophie und Physik betreiben, für welch letztere er einen „ihm selbst unerklärlichen Hang“ besitzt?). Kaum hat er das Jawort der Geliebten empfangen, hebt er schon zwangsmäßig zu grübeln an. Er
ı) Natürlich nur dann, wenn auch ein gewisses Talent vorhanden. 2) Vielleicht von der Physis (Natur) her.
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zweifelt an ihrer Liebe, ob Aug’ und Ohr, sein Witz und Scharfsinn ihn nicht betrügen. Darum beschwört er sie: „Wilhelmine! Lassen Sie mich einen Blick in Ihr Herz tun. Öffnen Sie mir es einmal mit Ver- trauen und ÖOffenherzigkeit.“ Und dann wieder bezeichnend: „Nicht durch Worte, aber durch Handlungen zeigt sich wahre Treue und wahre Liebe. Lassen Sie uns bald recht innig vertraut werden, damit wir uns ganz kennen lernen. Also offenherzig, Wilhelmine, immer offenherzig. Was wir auch denken und fühlen und wünschen, wollen wir uns freimütig mitteilen. Vertrauen und Achtung, das sind die beiden unzertrennlichen Grundpfeiler der Liebe, ohne welche sie nicht bestehen kann.“ Ferner aus der späteren Zeit des Verhältnisses: „Mein ganzes Bestreben geht dahin, Dich und mich wahrhaft glücklich zu machen.* (Alle gesperrt; gedruckten Worte sind von Kleist unter- strichen.) Endlich in seinem vorletzten Brief, da er die Braut beschwört, an seiner Seite Bäuerin zu werden: „Wenn Du mich nur wahrhaft liebst, wenn Du nur wahrhaft bei mir glücklich zu werden bofist.‘ Weitere Symptome der Masturbation sind ferner Kleists Schüchternheit und Blödigkeit in Gesellschaft, sein leichtes Verlegenwerden, Stottern und Erröten !), seine häufige Menschenscheu. die Unfähigkeit, sich aus- zusprechen, die Terminsetzung in dem Verhältnis zur Kunze!) und endlich auch noch die ewige Geheimniskrämerei, das Verbergen des Zwecks und — soweit sie die Homosexualität nicht aufhebt — die Scheu vor Mitwissern, sowohl bei den Verlöbnissen als der Würzburger Reise. „Nicht einen von allen Gedanken darf ich mitteilen, die mir die Seele füllen!“, so klagt er einmal äusserst bezeichnend, um seine Blödigkeit zu erklären, und anderseits neigt er zu einem stäten
1) Sehr richtig sagt Stekel („Nervöse Angstzustände und ihre Behandlung‘), was sich ganz mit meinen eigenen Erfahrungen deckt: „Erythrophoben sind Ona- nisten, die sich entlarvt glauben.“ ... „Das Stottern, die Angst vor der Rede, ist ursprünglich nur die Angst, durch die Rede irgend ein Geheimnis zu verraten {will sagen hauptsächlich die Onanie). Dann überträgt sich die Angst auf die Rede selber. Die Leute haben dann Angst, nicht ruhig, ohne Störung reden zu können. Ich bin in allen Fällen immer zu dem Resultat gekommen: das Stottern ist ein psychischer Verrat wie das Verreden und Verschreiben. Ein unbewusster Komplex drängt sich zwischen die Silben und Worte.“ — Auch die Terminsetzung geht regelmässig auf frühere Masturbation zurück. Des Dichters Verlöbnis mit Julie Kunze soll sich einzig darum zerschlagen haben, weil Kleist verlangte, die Braut solle ihm ohne Vorwissen ihres Vormundes schreiben. „Sie schlug es ab, er wiederholte seine Bitte nach 3 Tagen, in denen er sie nicht besuchte, darauf nach ebenso vielen Wochen und Monaten und löste zuletzt das Verhältnis auf diese Weise völlig.* Ein andermal beschloss er, sein Zimmer nicht eher zu verlassen, als bis er sich über einen Lebensplan entschieden hätte, was er freilich nicht länger als 8 Tage aushielt. All diese Terminsetzung ist pathognostisch für den Masturbanten. Dieser setzt sich nämlieh immer Termine: an dem und dem Tage werde ich mit der Onanie aufhören, was dann in Wahrheit nie eingehalten wird.
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Heimlichtun, dieweil er ein andres zu bergen hatte: seine Masturbation. „Gewiss würde ich nicht so geheimnisreich sein, wenn nicht meine beste Erkenntnis mir sagte, dass Verheimlichung meines Zweckes notwendig, notwendig sei.“
Das Zweite, was im Verhältnis zur Zenge bestimmend eingreift, ist Kleistens Homosexualität, vor allem die Erinnerung an Christian Martini, den er aus Liebe völlig imitiert. Ausnahmslos allen Bio- graphen fiel auf, wie wenig eigentlich die Briefe des Dichters an seine Braut von Liebe diktiert sind, dass hingegen sich eine beständige Didaktik aufs äusserste breit macht. Es herrscht da ein „wunderlich erzieherischer Ton‘, bemerkt schon Wilbrandt, ein geradezu schul- meisterliches Abhandeln, ein ewiges Aufgeben, Prüfen und Verbessern. Als Kleist seine Würzburger Reise antritt, lässt er der Geliebten „In- struktionen® zurück zum öfteren Durchlesen. Ja, er fügt hinzu und kommt auch später darauf zurück: „Es wäre am besten, wenn Du sie auswendig kenntest“. Mit einem Wort, er mimt „den Herrn Lehrer“. Wie er in einem Brief an Martini schrieb: ‚Ich sehe mein Schicksal voraus, einst als Schüler zu sterben, und wenn ich als Greis ın die Gruft führe!“ so verlangt er stets wieder von seiner Geliebten, unauf- hörlich an ihrer Bildung zu arbeiten. „Liebe und Bildung, das ist alles, was ich begehre‘, „Liebe und Bildung sind zwei unerlässliche Beding- ungen meines künftigen Glückes® Dass das Streben nach Bildung durchaus Befolgung Martinischer Lehren, liegt auf der Hand. Aber auch die „Liebe“, vielmehr, was Kleist unter ihr verstand, hat nahe Beziehungen zu diesen Vorbild. Vorerst beachte man, worauf ich schon früher nachdrücklich hinwies, dass Kleist von mannmännlicher Liebe nichts wusste, zwischen gleichen Geschlechtern stets nur die Freund- schaft, und Liebe nur zwischen verschiedenen kannte. Er sprach also vieles als Freundschaft an, was unzweideutig schon Liebe war. wie sein Empfinden für Martini z. Be Man könnte also wähnen. dass er in dem Schlagwort „Bildung und Liebe“ nicht bloss die erstere nach Martinis Muster gefordert habe. Allein mich dünkt die Sache noch etwas tiefer zu fassen.
Betrachten wir einmal die verschiedenen Themen. die er der Braut zu beantworten gibt. Da sind zunächst solche, die deutlich Kämpfe des eigenen Innern uns wiederspiegeln. Z. B. darf man darum nie einen Fehler des andern tadeln, weil man ihn selbst beging? Oder: was für ein Unterschied ist zwischen rechtfertigen und entschuldigen ? Dann wieder andere sehr bezeichnende: soll man jeden irrigen Grund des andern scharf bekämpfen und seine Ruhe stören oder genügt schon ein guter Wille dazu? Muss man trachten, das Vollkommene wirklich zu machen, oder genügt es. nur das Vorhandene vollkommener zu machen? Ist es besser, gut sein oder gut handeln? Die grössere Hälfte
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I)
der Fragen jedoch ist einem andern Komplex gewidmet, dem Verhältnis nämlich zwischen Mann und Weib. Welches Glück Wilhelmine sich z. B. an seiner Seite erwarte, wodurch eine Frau sich Achtung und Vertrauen ihres Mannes erwerbe, wodurch festhalte. Man darf nicht meinen, solche „Denkübungen“ seien nicht unbegreiflich bei einem so gewissenhaften Bräutigam. Denn es möchte noch hingehen, wenn Kleist seine Braut; darüber einen förmlichen, bis ins Kleinste gehenden Fragebogen beantworten heisst. Daneben aber stellt er andere Probleme, die über solche Erklärung hinausgehen, abgesehen davon, dass glück- liche Brautleute sich schwerlich mit Doktorfragen so mühen. Welcher - z. B. der beiden Gatten unglücklicher wäre, so eines von ihnen früher stürbe? Oder welche Waffen die Frau besitze wider den Mann? Was die beiden stärker aneinander knüpfe, Tugenden oder Schwächen? Darf die Frau niemandem gefallen als dem Manne? Welche Eifersucht stört den Frieden in der Ehe? Und ähnliche Themen, die uns nicht mehr erhalten.
Mutet solch’ Treiben zwischen Brautleuten schon seltsam an, so wird uns die „Liebe“ dieser beiden Menschen noch zweifelhafter, wenn wir Verlauf und Ende prüfen. Mir wenigstens drängt die Überzeugung sich auf, dass es im Grunde weit minder eine Herzensneigung war, welche Kleist zu Wilhelmine von Zenge zog, als das Trachten und die Möglichkeit, ein Weib nach seinem Ideal sich zu formen. Be- schäftigt ihn doch das Problem des Weibes, wie er es sich denkt, als Gattin und Mutter seiner Kinder sich wünscht, um vieles stärker, denn alle sogenannte „Liebe“. „Ein Mädchen auszubilden nach meinem Sinne, das ist nun einmal mein Bedürfnis; und wäre ein Mädchen auch noch so vollkommen, ist sie fertig, so ist es nichts für mich. Ich selbst muss es mir formen und ausbilden“, „Ja, Wilhelmine“, schreibt er von seiner Würzburger „Tat“, „wenn Du mir könntest die Freude machen, immer fortzuschreiten in Deiner Bildung mit Geist und Herz, wenn Du es mir gelingen lassen könntest, mir an Dir eine Gattin zu formen, wie ich sie für mich, eine Mutter, wie ich sie für meine Kinder wünsche, erleuchtet, aufgeklärt, vorurteilslos, immer der Vernunft ge- horchend, gern dem Herzen sich hingebend — dann, ja dann könntest Du mir für eine Tat lohnen, für eine Tat —“. Je länger er Wilhelmine kennt. desto stärker tritt seine Sehnsucht nach einer Mutter zutage. „Deine Bestimmung, liebe Freundin, oder überhaupt die Be- stimmung des Weibes ist: wohl unzweifelhaft und unverkennbar; denn welche andere kann es sein. als diese, Mutter zu werden, um der Erde tugendhafte Menschen zu erziehen?“ (Das gesperrt ge- druckte ist von Kleist unterstrichen.) Und von Würzburg aus teilt er Wilhelmine auch mit, was er sich selber von dem Glück ihrer künftigen Ehe verspreche. „Ich werde Dir die Gattin beschreiben, die
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mich jetzt glücklich machen kann — und das ist die grosse Idee, die ich für Dich im Sinne habe. ... O, wenn ich Dir nur einen Strahl von dem Feuer mitteilen könnte, das in mir flammt! Wenn Du es ahnen könntest, wie der Gedanke, aus Dir einst ein vollkommenes Wesen zu bilden, jede Lebenskraft in mir erwärmt, jede Fähigkeit in mir be- wegt, jede Kraft in mir in Leben und Tätigkeit setzt! — Du wirst es mir kaum glauben, aber ich sehe oft stundenlang aus dem Fenster und gehe in 10 Kirchen und besehe die Stadt von allen Seiten und sehe doch nichts als ein einziges Bild — Dich Wilhelmine, und zu Deinen Füssen zwei Kinder und auf Deinem Schosse ein drittes, und höre, wie Du den kleinsten sprechen, den mittleren fühlen, den grössten denken lehrst, und wie Du den Eigensinn des einen zu Standhaftigkeit, den Trotz des andern zu Freimütigkeit, die Schüchternheit des dritten zu Bescheidenheit und die Neugierde aller zu Wissbegierde umzubilden weisst, sehe, wie Du ohne viel zu plaudern, durch Beispiele Gutes lehrst und wie Du ihnen in Deinem eigenen Bilde zeigst, was Tugend ist, und wie liebenswürdig sie ist. O lege den Gedanken wie einen diamantenen Schild um Deine Brust: ich bin zu einer Mutter geboren !* Und er schliesst diesen „Liebes“-Brief: „Gute Nacht, Wilhelmine, meine Braut, einst meine Gattin, einst die Mutter (von Kleist unterstrichen) meiner Kinder“.
Man wird mir zugeben dass ein 23jähriger Bräutigam, den minder Gedanken an die Liebe seiner Braut, als ihre zukünftige Mutterschaft verfolgt. dem in jeder Umgebung nur das Bild einer lehrenden Mutter vorschwebt, mit drei kleinen Buben, die sie unterweist, dass ein solcher Bräutigam doch eine besondere Merkwürdigkeit vorstellt. Überlegen wir weiter, dass Kleist das 5. unter 7 Kindern seines Vaters war, nach ihm noch zwei jüngere, Bruder und Schwester, mählich heran- blühten, dann liegt es wohl nahe, dass der Dichter in jenen Zukunfts- phantasien sich selber schaute, nebst seinen Geschwistern von der Mutter unterwiesen, nur dank seinem homosexuellen Empfinden ein wenig ins Maskuline gefärbt. Mit anderen Worten, was Kleist in Wilhelmine suchte, war minder das Weib oder die Geliebte, als seine eigene lehrhafte Mutter.
Vortrefflich stimmt zu dieser Schlussfolgerung, was ich aufgrund meiner Psychoanalysen an Homosexuellen aufdecken konnte. In den früher angezogenen Aufsatz führte ich aus, dass bei Zergliederung eines Urningslebens man hinter dem einzig geliebten Mann ganz regelmäßig —- geliebte Frauen nachweisen könne, obendrein in der Mehrzahl, und dass die allerfrüheste Geliebte immer die eigene Mutter sei. Auch dem scheinbar angeborensten Fühlen einzig und allein für das eigene Ge- schlecht geht eine frühere Epoche voraus, da der Homosexuelle just für das andere leidenschaftlich glühte, ja sogar für mehrere Personen
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desselben. Und auch später, nach der Abkehr vom Weibe, benützt er noch immer die Qualitäten jener, Vorzüge also und Eigenschaften des andern Geschlechts, zur Wahl seiner homosexuellen Ideale. Auch der eingefleischteste Urning nämlich liebt in dem Manne stets nur das Weib, nach dem Vorbild jener, an die er in seinen Kinderurtagen sein Herz und seine Neigung gehängt, in letzter Linie die eigene Mutter. Die ist nun naturgemäß auch die erste Lehrerin des wachsenden Kindes, bei Kleist vielleicht noch etwas lehrhafter als andere Mütter, und wenn sich dann unser Dichter zuerst in einen spätern Hauslehrer ver- liebte, übertrug er auf diesen einfach die Liebe von seiner Mutter.
Es greifen demnach in Kleistens Leben zwei erotische Richtungen bestimmend ein: des Dichters gleichgeschlechtliches Empfinden!) und die Masturbation. Die erstere geht sicher auf des Dichters eigene Mutter zurück, die, wie ich im Folgenden aufzeigen werde, in jeder späteren Liebe wiederkehrt, auch in der scheinbar mannmännlichsten Neigung.
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In dem Verhältnis zum Fräulein von Zenge gibts eine deutliche Diäürese, die Würzburger Reise, das grosse Rätsel, welches allen Bio- graphen bisher die härtesten Nüsse aufgab. Was immer man da als „wahre“ Ursache aufgedeckt hat, die Reise nach seinem Dichterberuf, den unstillbaren Reisedrang des Schwerbelasteten, die Furcht vor psychi- scher Impotenz, eine angeborene Anomalie, welche nur der Chirurg be- seitigen konnte, jede dieser Erklärungen hat nur ihren eigenen Autor befriedigt. Die andern aber fühlten doch immer, dass keine dieser Deutungen eine ganz erschöpfende Lösung bot, ob jede auch gern ein Körnchen Wahrheit enthalten mochte Dies allgemein verbreitete Empfinden ist, wie ich gleich hier vorwegnehmen will, durchaus be- rechtigt. Es fusst auf der unbewussten Erkenntnis, dass kein Erlebnis der menschlichen Seele so einfach ist, als die Psychologen gewöhnlich vermeinen. Ja man kann es schlechthin als Grundsatz aussprechen,
1) Neuerdings wird der Versuch gemacht, gegen diese ein Schreiben Kleists auszuspielen, in welchem er Iffland durchsichtig der Homosexualität beschuldigt. Dem ist zu entgegnen, dass, wie jeder Kenner der Sexualforschung weiss, man die tiefste Verachtung jener Perversion oft von Leuten hört, die selbst Urninge sind, ohne es zu ahnen. Sie spotten ihrer und wissen selbst nicht wie.
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dass jedes menschlich-seelische Geschehen recht zusammengesetzt ist, auch wenn es einem kurzsichtigen Auge simpel erscheint. Auf Kleistens Würzburger Reise übertragen, darf man zugeben, dass jede obzitierte Erklärung zwar einen Teil der Wahrheit gibt, ein Stück derselben ganz richtig errät, dass aber andrerseits all diese Lösungen insgesamt sie doch bei weitem noch nicht erschöpfen. Im Folgenden will ich neue Gesichtspunkte heranzuziehen suchen. ohne jedoch mich vermessen zu wollen, den ganzen Komplex der treibenden Motive ausgeschöpft zu haben.
Wir kennen den unmittelbaren Anstoss, der den Dichter zur Würz- burger Reise trieb. Unter ihren „Denkübungen‘ hatte die Braut auch die Frage beantwortet, was sie sich von dem Glück einer künftigen Ehe mit ihm verspreche. Die Antwort, die Kleist „eine unausprech- liche, aber bittersüsse Freude gewährt“ — vermutlich entsprach sie ganz seinen Suggestionen, zumal über spätere Mutterschaft — „scheucht ihn zugleich aus ihren Armen‘. Stieg doch in ihm alsbald das quälende Bewusstsein auf. Masturbant zu sein, und sich dadurch mit Schuld be- laden zu haben, wie wir aus Brockes Briefentwurf wissen. Gleich so vielen anderen Onanisten plagte auch Kleist die Forderung stets zu erfüllender Pflicht, welche ihm die Worte an die Braut diktierte: „In uns flammt eine Vorschrift -- und die muss göttlich sein, weil sie ewig und allgemein ist, sie heisst: erfülle deine Pflicht, und dieser Satz enthält die Lehren aller Religionen.“ Und galt’s nicht vorerst, für Wilhelmine einer Pflicht zu genügen, die ihr die Erfüllung ihrer ach! so berechtigten Wünsche bot? Drum muss er zunächst die Furcht sich bannen vor einer möglichen Impotenz, seine angeborene Anomalie be- heben lassen, und gälte es selbst den Preis seines Lebens. Dies also war der unmittelbare Anstoss zum Reisen, wenn auch noch lang nicht die tieferen Gründe. Nun sollte man glauben, aus solch einem starken Empfinden heraus müsste Kleist keine andere Sorge kennen, als bei den renommiertesten Ärzten Heilung zu suchen. Statt dessen sucht er, was wirklich zu den tiefsten Wurzeln führt, „einen weisen, edlen und älteren Freund“ auf, angeblich weil er zu schwach sich fühle, ganz allein zu handeln, wo etwas so Wichtiges auf dem Spiele stehe, und um ferner mit jenem die Mittel zu seinem Zweck zu beraten, ob dieser auch selbst unwiderruflich feststeht. Und was ist das erste, so er mit dem weisen Freund bespricht? Er legt eine grosse Generalbeichte ab über seine gebeimen Jugendsünden, wie ein Kind der Mutter, oder aber ein Schüler dem verehrten Lehrer. Sollte da nicht am stärksten die homosexuelle Triebfeder wirken, die Sehnsucht nach einem geliebten Mann, dem allein die Macht ward, zu absolvieren? Wie immer der Liebe, gelingt es auch Brockes, ihn voll zu trösten. Kleist solle seine Tage nicht frucht- los verseufzen ob Verirrungen, die nicht mehr zu ändern wären. Vor-
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wärts zu schauen, statt ewig rückwärts, sei vielmehr ihm Pflicht. Und so es ihn kränke, dass andere, die ohne eigenes Verdienst der Ver- führung entgingen, in Frieden und Gesundheit ihm Hohn zu sprechen schienen, so könne gerade das Leid zu wahrem Glück ihm verhelfen. Wenn er sich gräme, nicht schön und liebenswürdig geblieben zu sein wie seine Freunde, so habe just diese Folge seines Lasters ihn von seichten Freuden abgehalten und zur Einkehr gezwungen. Noch immer lege er zuviel Wert auf den Beifall der Welt und betrachte sein Ich zu sehr als Mittelpunkt alles Geschehens. Sein Streben müsse sein, mehr für andere zu leben, als für sich selber.
Und Brockes zaudert auch keinen Moment, sein Wort durch eine Tat zu erhärten. Von Haus aus homosexuell veranlagt'), ist er alsbald bereit, einen grossen Teil seines Vermögens zu opfern, um da- durch „beide glücklich zu machen“. Ja, Kleist berichtet expressis verbis, dass er dem Freund „die ganze glückliche Wendung seines Schicksals verdanke“. Eine solche Behauptung wäre unmöglich, so Brockes dem Dichter nur Mittel zum Zweck, dieser aber Behebung der Impotenz wäre oder angeborener Anomalie, ein Fröhnen unstillbarer Reiselust oder irgendeine ähnliche andere Teilwahrheit. Neben all’ diesen sicher mitspielenden Motiven war vielleicht das stärkste und das Glück der Reise erst voll begründend des Dichters befriedigte Liebe zu Brockes und seine Lossprechung von der Jugendsünde durch diesen heissgeliebten Freund.
Es ist bezeichnend, wie durch die neugewonnene Neigung auch die alten Ideale ganz jählings stürzen. Solange der Dichter an Christian Martini „in Freundschaft“ hing, war Bildung das Höchste. Als Brockes jedoch sein Herz gewann, und zwar so gründlich, dass sogar die Erinnerung an dessen kleinen Fehler ihm schwand — wohl ein sicheres Zeichen wirklicher Liebe — nimmt er auch dessen Grund-
1) Dem Fachmann führe ich als Stütze hiefür Nachfolgendes an: „Sehr ge- bildete, überaus zärtliche Mutter, deren Erziehung ausschliesslich darauf abzielt, sein Herz weich und empfänglich zu machen. Brockes studiert, hat eine Liebe, die ihn nicht glücklich macht“ und geht hierauf zum Militär, wo er es aber nicht lange aushält. Da er sich nicht entschliessen kann. ein Amt anzunehmen, bezieht er, „um doch etwas Gutes zu stiften, mit einem jungen Manne zum zweiten Male die Universität, der sich dort unter seiner Anleitung bildete“. Als Kleist ihm seine Lage eröffnet. geht er trotz seiner geringen Mittel und der Verzweiflung der Schwester alsbald auf eigene Kosten mit dem Freund. Auf der Reise beträgt er in steter Aufopferung sich ganz als Mutter, wofür der Dichter eine Reihe bezeichnender Beispiele gibt. (Z. B.: „Wenn ich in der Nacht zuweilen schlafend an seine Brust sank, so hielt er mich, ohne selbst zu schlafen“.) Ein echter Urning, der als Weib sich fühlt, scheut er davor zurück, den Freund auch nur teilweise entblösst zu sehen, geht immer spazieren, wenn die Stunde des ärztlichen Besuches naht, und meidet auch seine Schlafkammer zu betreten, beides völlig ungebeten, aus eigenen, freien Stücken.
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sätze an und schreibt an die Schwester: „Wissen kann unmöglich das Höchste sein — Handeln ist besser als Wissen. Ach, es ist so traurig, weiter nichts als gelehrt zu sein“. Und da seine „festeste Säule wankte, die Liebe zu den Wissenschaften“, wirft er sich der Liebe, dem zweiten frühern Ideal in die Arme. Nur hatte auch diese unter Brockes Ein- fluss eine wesentlich neue Form gewonnen. Was hatte den Dichter am Freund so berückt? Seine beinahe göttliche Selbstlosigkeit, wie sie höchstens bei einer Mutter zu finden. Freilich, er fühlte, ‚es ist sehr schwer, immer ganz uneigennützig zu sein“, und heisst sie „die schwerste von allen Tugenden“. „Grosse Opfer sind Kleinigkeiten, die kleinen sind es, die schwer sind“. Doch mindestens strebt er mit ganzer Seele, das Beispiel des Freundes nachzushmen, „immer in allen Fällen ganz uneigennützig zu sein‘, und beschwört seine Braut: „O, mache diesen herrlichen Vorsatz auch zu dem Deinen! Denke Dir die glückliche Ehe, in welcher diese innige, herzliche Uneigennützigkeit immer herrschend wäre! O, Du ahndest gewiss die Absicht dieser Zeilen, die Du darum auch gewiss recht oft durchlesen wirst“. Man sieht ganz klar, ihm ist zum heissesten Sehnen geworden, die Braut an Stelle der Mutter zu sehen, wie ja auch der Freund seine Herzens- gewalt bloss dadurch gewann, dass er der Mutter des Dichters so glich. Jetzt erst erhalten seine Bräutigamsbriefe die Farbe der Liebe, welche allzu lang nur durch Pädagogik verdunkelt worden. Allein diese Liebe klingt stets in Liebe zur Mutter aus, die Wilhelmine ihm werden soll im doppelten Sinne.
Doch Kleist übernahm vom Freunde noch andere Charakterzüge. So war in diesem „ein tiefes Gefühl für Recht immer herrschend“. das wohl auf eine verwandte Seite des Dichters stiess, die sie mächtig ver- stärkte. Dies Rechtsgefühl hat sich zuletzt im Kampfe mit Harden- berg-Raumer auffndend betätigt und zweifellos Kleist den Anstoss zum Michael Kohlhaas gegeben. Auch den Grundsatz „Handeln ist besser als Wissen“, bleibt unser Dichter lange bestrebt, durch eine Dramentat zu erhärten, den stets erneuten „Robert Guiskard‘“. Des weitern war Brockes „von einer ganz reinen, ganz unbefleckten Sittlichkeit, ein Mädchen könnte nicht reiner, nicht unbefleckter sein als er“, für den Masturbanten ein doppelt hehres Ideal. Auch dies schwebt Kleist als Muster vor, ihn bestärkend in seinem Willen zur Ehe, die seine Sinnlichkeit zügeln sollte und die Begierde zur Sittlichkeit dämpfen. Als ihm darum die Ärzte Gewissheit geben, er sei nunmehr zur Ehe tauglich, da „achtet er sein ganzes Vermögen nicht um das, was er aut dieser Reise erworben“. Freilich sehr lange hielt diese Zu- friedenheit nicht vor, was wiederum dartut, dass die neu gefestigte Männlichkeit nicht viel zu seinem Glücke beitrug. Endlich verrät noch eine Briefstelle, dass Brockes auf der Würzburger Reise „unaufhörlich
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mit der Natur im Streite ist, weil er, wie er sagt, seine ewige Be- stimmung nicht herausfinden kann und daher nichts für seine irdische tut“. Auch dies ahmt der Dichter im Einzelnen nach, wie die folgenden Ereignisse lehren werden.
„Ja, wenn Du unter den Mädchen wärest, was dieser unter den Männern!“ apostrophiert er einmal die Braut, und als Brockes ganz unrermutet in Berlin auftaucht und den Winter bei Kleist zu wohnen verheisst, schreibt dieser verzückt: „O, hättest Du auch bei Dir eine Freundin, die Dir das wäre, was dieser Mensch mir! Ich bin sehr ver- gnügt und muss Dich herzlich küssen“. Es sei gleich hier vorweg- genommen, dass Kleist wie später in der „Phoebus*-Zeit nur dann vergnügt und lebensfroh wird, wenn er für seine homosexuellen Neigungen Befriedigung findet. Auch ist es, wie schon Rahmer hervor- hebt, gewiss „kein Zufall, dass die schweren geistigen Kämpfe, die grössten Schwankungen seiner Gemütsverfassung in der Zeit einsetzen, als Brockes durch ein Amt gezwungen war, Berlin zu verlassen und sich von Kleist zu trennen*.
Immer jedoch steht hinter dem männlichen Ideal ein anderes, hehreres, weitaus älteres: die eigene Mutter. Leider ist uns von ihr wie vom Vater so gut wie gar nichts überliefert, sei’s darum, weil alles verloren gegangen, sei’s dass die Familie absichtlich unterdrückte, was sie ihrem Ansehen abträglich hielt. Eine einzige Briefstelle, an Rühle gerichtet, verstattet einen unmittelbaren Einblick in Kleists Verhältnis zu seiner Mutter. Die beiden Freunde hatten sich zerzankt. Doch lenkt der Dichter sogleich am nächsten Tage ein: „Wenn ich auf Dich böse bin, so überlebt diese Regung nie eine Nacht, und schon, als Du mir die Hand reichtest, beim Weggehen, kam die ganze Empfindung meiner Mutter über mich und machte mich wieder gut“ !). Jener Mangel ist umsomehr zu bedauern, als die Zurückführung auf die eigenen Eltern auch Kleistens Homosexualität, sein Verhalten zur Braut, zu Henriette von Vogel und eine Reihe anderer Züge überhaupt erst dem Verständnis öffnet.
Ich befinde mich hier an einem kritischen Punkt, der vorher be- sprochen und genauestens abgegrenzt werden muss, eh’ ich zu weiteren Schlüssen vorschreite. Wir wissen heute, dass für die intimsten Seelen- vorgänge neben der konstitutionellen Anlage der Einfluss der Eltern und der Familie, sodann der allerersten Kinderjahre einfach entscheidend, ja für deren restloses, völliges Verstehen geradezu unerlässlich ist. Da klafft nun im Leben Heinrich von Kleists eine leider unausfüllbare
!) Nebenbei bemerkt charakteristisch für seine Homosexualität. Kleist spielt da gewöhnlich den femininen Part, fühlt sich dem jeweils Geliebten gegenüber in der Rolle der Mutter.
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Lücke, und nicht die mindeste Aussicht besteht, von jenen unbekannten Dingen auch nur das Geringste je zu erfahren. Was ist unter solchen Umständen zu tun? Soll man da für immer auf jedes Verständnis der just bei Kleist so zahlreichen Rätsel völlig verzichten, oder minder sichere Pfade einschlagen, welche schliesslich in eine Erklärung münden, die zwar nicht so streng erweisbar ist, wie das, was ich bisher ausge- führt habe, doch aber der Wahrheit ın hohem Grade sich nähern dürfte. Mich dünkt, hier beginnt das legitime, berechtigte Feld der Hypothese und Analogie, wobei wir billig die Vorsicht üben, uns strikt an Bekanntes, Sichergestelltes anzulehnen und obendrein ehrlich angeben müssen, wo auch durch Heranziehung dieser Quellen ein volles Deuten noch unmöglich ist.
Beginnen wir zunächst mit der Analogie. Für das Verständnis der psychischen Prozesse hat ein Wiener Neurologe, Professor Freud, eine ganz entscheidende Leistung vollbracht. Sein Verdienst liegt darin, eine neue Methode erfunden zu haben, die psychoanalytische, seelen- zergliedernde, welche verstattet, in die ungeheuren Tiefen des Un- bewussten unser Senkblei zu werfen und dort Zusammenhänge zu lothen, Motive, Empfindungen, verborgenste Strebung, von denen man sich bislang nichts träumen liess. Unter anderm boten diese Analysen auch bedeutsame Aufklärung über jene Personen, bei welchen die gleich- geschlechtliche Liebe im Vordergrunde steht, wie z. B. bei Kleist. Doch auch über das Liebesleben des Normalen hat jene Methode uns wertvolle, neue Kunde gebracht. Z.B. dass, wer seine Braut nur nach dem Ruf seines Herzens wählt, was sicher zwischen Kleist und der Zenge zutraf, die ÖObjektwahl regelmäßig nach dem Vorbild der eigenen Mutter vollzieht. Sie ist die wichtigste Grundperson für die spätere Brautwahl, die zu diesem Zweck höchstens Ausschmückungen erfährt nach den unerfüllten infantilen Wünschen sowie einige Zutaten von ein wenig später heissgeliebten Personen der Kindheit. Hier dünkt mich fester Boden gewonnen für Konjekturen. Wenn wir aus den Briefen Kleists an die Braut sein Frauenideal rekonstruieren mit den Verbesserungen, die er selber heischt, dürften wir vermutlich auf die Mutter stossen, wie sie wirklich gewesen oder mindest vom Dichter gesehen und erträumt ward, Eine andere, doch freilich mit grösster Vorsicht zu nützende Quelle für Kleists geheime Kinderwünsche sind seine Werke, ja schon deren Stoffwahl, wie ich im folgenden ausführen werde. Nach meinen Analysen bei Dichterlingen verraten sich jene vor aller Welt sorgsam gehüteten Phantasien — und alle Phantasien sind nichts anderes als erfüllte Wünsche (Freud) — am leichtesten in dem Inhalt des poetisch Geschaffenen.
Schon im bisherigen lernten wir die Ideale kennen, denen Kleists Braut nacheifern soll. Noch deutlicher spricht sich der Dichter an
Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens. (Heft LXX.) 3
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Karoline von Schlieben aus. Erkenne man den Mann an seinem Verstande, so das Weib an seinem Herzen. „Ja, es gibt eine gewisse himmlische Güte, womit die Natur das Weib bezeichnet hat, und die ihm allein eigen ist, Alles, was sich ihm mit einem Herzen nähert, an sich zu schliessen mit Innigkeit und Liebe: so wie die Sonne, die wir auch darum Königin, nicht König nennen, alle Weltkörper, die in ihrem Wirkungsraum schweben, an sich zieht, mit sanften, unsicht- baren Banden und in frohen Kreisen um sich führt, Licht und Wärme und Leben ihnen gebend, bis sie am Ende ihrer spiralförmigen Bahn an ihrem glühenden Busen liegen —.“ Und dann zur Bekräftigung: „Das ist die Einrichtung der Natur, und nur ein Tor oder ein Bösewicht kann es wagen, daran etwas ändern zu wollen!“ Mit den nämlichen Worten und dem nämlichen Bilde von der Sonne hatte er etwa 10 Monate zuvor auch Wilhelmine apostrophiert, dazu noch bei- fügend: „Aber das lässt sich nicht erlernen.“ Und wenn er voraus- schickt: „Keine Tugend ist doch weiblicher, als Sorge für das Wohl anderer und nichts dagegen macht das Weib hässlicher und gleichsam der Katze ähnlicher als der schmutzige Eigennutz, das gierige Ein- heischen für den eignen Genuss“, so haben wir in diesen vorstehenden Schilderungen zweifellos seine Mutter zu erkennen, die er in der Braut von den Toten sich wiedererstanden wünscht. Drum wirkt ja auch die mütterliche Uneigennützigkeit Brockes so mächtig auf ihn, drum muss er Wilhelmine, die naturgemäß nicht ganz der Urheberin seiner Tage glich, sich erst nach seinem Ideale formen, soll er ein höchstes Glück geniessen.
Allein auch die Mutter war noch nieht das absolute Ideal gewesen, schon deswegen nicht, weil sie nicht ausschliesslich ihrem Heinz gehörte, sondern auch dem Vater und den anderen Kindern. Wir wissen, dass jedes neurotische Kind — und Heinrich von Kleist war fraglos ein solches — nicht genug an Liebe empfangen kann. Es ist aus- nehmend eifersüchtig auf alle Geschwister, ja den eignen Vater. Wenn, wie man alle Tage sieht, ein liebender Bräutigam eifersüchtig wird aut jedermann, selbst die nächsten Verwandten, so liegt die Übertragung von der Mutter auf die Braut ganz offen zutage, sowie die ursprüngliche Eifersucht auf jene. Unser Dichter jedoch heischt nach Bülows Bericht „zuletzt von der Braut, dass sie nichts freuen solle, als was sich auf ihn bezog und es verging selten ein Tag, an dem er nicht über Mangel an Liebe gegen sie zu klagen hatte. Wiewohl er Haus an Haus mit ihr wohnt und sie täglich sah, schrieb er ihr beinahe täglich die leidenschaftlichsten Briefe.“ Die Liebe der Mutter wie später Wilhelminens ganz allein auf seine Person zu lenken, mit Ausschluss der andern, war ihm höchstes Ziel: in diesem Punkt hatten beide seinem ersehnten Ideal nicht völlig entsprochen. Ja, mich dünkt, wenn Kleist
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aus der Knabenlektüre vornehmlich den Wielaudschen Satz behält, dass „Vervollkommnung der Zweck der Schöpfung“ wäre, so denkt er wohl einerseits an das eigene Ich und dessen Erniedrigung durch die Masturbation, des weitern jedoch und vielleicht hauptsächlich an die eigene Mutter, die er nach seinem Sinn vervollkommnen möchte, wie später die Braut.
Und der nämliche Jüngling, der sich mit Händen und Füssen sträubt, in der Heimat Amt und Würden zu nehmen, nennt immer wieder als Zukunftshoffnung: „Freiheit, ein eigenes Haus und ein Weib“, wozu sich erst später als nähere Bestimmung „ein grünes Häuschen‘, als Neuergänzung „ein Kind“ gesellt, „ein schön Gedicht und eine grosse Tat“. Die „Freiheit“ steht da sonderbarerweise an erster Stelle, Er denkt an eine Hütte in einem freundlichen Tal und einzig an das häusliche Glück, fern von jeder staatlichen und Gesellschaftsverpflichtung- Es verschlägt ihm nichts, auf alle Geburtsvorrechte zu verzichten und ein ganz simpler Bauer zu werden, natürlich in einem freien Lande, wie etwa der Schweiz, wo er sich lange Zeit und wiederholt mit dem Ankauf eines Gütchens trägt. So schreibt er z. B. an seine Schwester: „Ich bin nun einmal so verliebt in den Gedanken, ein Feld zu bauen, dass es wohl wird geschehen müssen! Betrachte mein Herz wie einen Kranken, diesen Wunsch wie eine kleine Lüsternheit, die man, wenn sie unschädlich ist, immerhin gewähren kann.“ Und gleich darauf wieder: „Wenn Du mir eine Wohltat erzeigen willst, die mir mehr als das Leben retten kann, so lege mir zu meinem übrig gebliebenen Kapital so viel hinzu, dass ich das Gut bezahlen kann. Das schicke mir dann so bald als möglich.“ Ja, noch mehr, dass die Braut auf seinen Herzenswunsch nicht eingeht, die preussisch-altadlige Generals- tochter sich nicht stracks zur Bäuerin metamorphosiert, führt unmittel- bar den Bruch herbei, wenn natürlich auch die letzten Gründe weit tiefer liegen. Zuerst versucht er noch, Wilhelmine in ihrem Wider- stand zu erschüttern, wobei er sofort recht sonderbar scharfe Töne anschlägt: „Liebe Freundin, ich möchte nicht gern an Deiner Liebe zweifeln müssen, und noch wankt mein Glaube nicht.“ Aber dass sie auf seine Pläne nicht eingeht, ist ihm fast Beweis, „dass sie ihn weniger innig liebe, als er es notwendig bedürfe.“ Die Antwort auf seinen Brief solle entscheidend sein, es werde „der Augenblick sein, der über das Glück der Zukunft entscheide.“ Und da Wilhelmine mit vieler Herzlichkeit auf ihn einstürmt, ins Vaterland zurückzukehren und die Gründe ihrer Weigerung nochmals liebevoll auseinandersetzt, würdigt er sie nieht einmal einer Antwort, sondern bricht ohne jedes Bedenken ab. War sie ihm doch niemals andres gewesen als Objekt für seine Sexualphantasien und augenblicklich wertlos, da sie zu diesem nicht mehr zu brauchen. Als er jedoch später auf der Aareinsel seinen Traum
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an der Seite „Mädelis“ verwirklicht, wenn auch in modifizierter Form, ist dies die glücklichste Zeit seines Lebens.
Warum nun ist Kleist in den Plan so verliebt, ein Bauer zu werden, an der Seite eines liebenden Weibes zu leben, in der kleinen Hütte eines lieblichen Tals? Was liegt dieser Phantasie zugrunde? Hier muss ich zur Deutung etwas heranziehen, was in den Analysen neurotischer Menschen, aber auch in der Selbstschau gesunder Personen so ausnehmend häufig wiederkehrt, dass wir es als typische Knaben- phantasie ansprechen dürfen. Da jegliches Knaben erste Liebe der eigenen Mutter oder deren Stellvertreterin gilt. so wird naturgemäß der Vater zum gefährlichsten Nebenbuhler, dem man die Geliebte um jeden Preis entziehen möchte. Bedenkt man jedoch, wie allmächtig dem Kind der Vater erscheint, dann gibt es hiefür nur eine Möglichkeit: weit in die Welt mit der Mutter zu fiehen und in tiefster Verborgenheit ihr zu leben. Darum die weltverlorene Hütte in fernem Lande, der Verzicht auf den Adel, den man ja obendrein vom Vater erbte, und der Wunsch, unbeachtet Bauer zu werden!). Höchstens noch bilden darf er die Geliebte, so wie er es einst von der Mutter gelernt, mit der er sich alsdann in diesem Punkte identifiziert.
Wir finden für solche Konjekturen eine wichtige Bestätigung in Kleistens Werken. So sehr ich im allgemeinen perhorresziere, aus Diehtungen auf biographisches viel zu schliessen, weil die Rolle der Vorlagen, der bewussten und unbewussten Entstellung, sowie endlich auch noch der unbekannten Reminiszenzen an Lebensumstände nie mit Sicherheit abzugrenzen ist, so tritt uns bei Kleist doch eine solche Fülle bedeutsamer Indizien entgegen, dass sie schlechterdings nicht zu übersehen sind. Wie auffällig ist es beispielsweise, dass der oft geradezu prüde Poet, den „der geringste Verstoss gegen die Sittlichkeit ausser Fassung bringen konnte“, mit Vorliebe „anstössige“ Themen behandelt, die er freilich mit äusserster Zartheit vorträgt. Und diese selbst, wie durchsichtig werden sie in obiger Deutung! Z.B. „Die Marquise von O.*, die in einer Ohnmacht vergewaltigt wird von einem, der sie liebt, vor dem eindringenden Feinde beschützt und hinterdrein durchaus rasch heiraten will. Jupiter weiters, der von seinem himmlischen Throne herabsteigt, Alkmenen in Gestalt ihres Gatten Amphitryon beizuwohnen, natürlich gotthaft verschönt und verklärt. Ist er ein anderer als der Dichter selber, der sich als junger, idealer Gott an Stelle des alternden Vaters setzt? Im „Zerbrochenen Krug“ dringt in das Zimmer der Geliebten gewaltsam der Richter — ein typisches Symbol für den eigenen
1) Besonders legt er Wilhelmine — wieder sehr bezeichnend — Ver- schwiegenheit gegen den Vater ans Herz. Vermutlich ist aber der Wunsch, just ein Bauer zu werden, ausser der im Text gegehenen Deutung noch spezifischer bestimmt (vergl. hierzu auch die letzte Anmerkung). nur fehlt uns jeglicher Anhaltspunkt wie.
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Erzeuger, der ja auch tatsächlich dem Kinde der erste Richter ist — und wird von dem rechtmässigen Liebhaber verjagt. Im „Prinzen von Homburg“ bestimmt der König, hinter dem wieder regelmäßig in Träumen und Sexualphantasien der Vater steckt, den Prinzen zum Tode, während im „Käthchen“ das ideale Weib, die ideale Mutter Verkörperung findet. Die politischen Dramen, Aufsätze und Gedichte erhalten endlich, wie ich des späteren ausführen werde, durch die Feindschaft gegen Napoleon-Vater typische Bedeutung.
Man wende mir nicht ein, der Dichter habe sich einfach an seine Vorlagen gehalten. Schon die Wahl des Stoffes verrät die Absicht, so diese auch häufig unbewusst bleib. Was zwang unsern Dichter beispielsweise. wenn er schon durchaus übersetzen wollte, zum Amphitryon des Moliere zu greifen und ihn dann obendrein in so bezeichnender Weise zu ändern? Ganz unäbnlich dem französischen Vorbild wird Jupiter hier zum Fürsprecher Kleists bei der Gattin-Mutter:
„Was ich Dir fühle, teuerste Alkmene,
Das überflügelt, sieh, um Sonnenferne,
Was ein Gemahl Dir schuldig ist. Entwöhne,
Geliebte, von dem Gatten Dich,
Und unterscheide zwischen mir und ihm,
Sie schmerzt mich, diese schmähliche Verwechslung,
Und der Gedanke ist mir unerträglich,
Dass Du den Laffen bloss empfangen hast.
Der kalt ein Recht auf Dich zu haben wähnt.
Ich möchte Dir, mein süsses Licht,
Dies Wesen eigener Art erschienen sein,
Besieger Dein, weil über Dich zu siegen
Die Kunst die grossen Götter mich gelehrt.“ In Wabrheit wählte auch Kleist wie jeder andere Poet die meisten seiner Stoffe nach den Wünschen seines Unbewussten, wo ganz besonders der Mutter-Komplex nach dichterischer Darstellung drängt.
Dies ewig-unsterbliche Verhältnis zur Mutter oder irgendeiner späteren Stellvertreterin bestimmt auch seinen masslosen Ehrgeiz, der von seiten der Belastung die zweite Haupttriebfeder bekommt. Wer seine Mutter erobern will und den mächtigen Vater aus dem Sattel heben, der kann dies nur durch ragende Tat, der muss dem alten, ruhmreichen Geschlecht erst neuen und unerhörten Ruhm gewinnen. „So wenig ich davon gesprochen habe‘, schreibt Kleist noch kurz vor seinem Selbstmord nach den Vorwürfen der Schwestern, „so gewiss ist es, dass einer meiner herzlichsten und innigsten Wünsche war, ihnen einmal durch meine Arbeiten und Werke recht viel Freude und Ehre zu machen.“ „Aber der Gedanke, das Verdienst, das ich doch zuletzt, es sei nun gross oder klein, habe, gar nicht anerkannt zu sehen und mich von ihnen als ein ganz nichtenutziges Glied der menschlichen
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Gesellschaft, das keiner Teilnahme mehr wert sei, betrachtet zu sehen‘, das hat ihn sicher unter anderem mit in den Tod getrieben. Die wichtigste Stellvertreterin der Mutter war Ulrike, welche andrerseits wieder durch ihr männliches Gehaben den Übergang bot zu Kleistens homosexuellen Freundschaften. „Nie:denke ich anders an Dich, als mit Stolz und Freude“, schrieb er noch als Bräutigam, „denn Du bist die Einzige oder überhaupt der einzige Mensch, von dem ich sagen kann, dass er mich ganz ohne ein eigenes Interesse, ganz ohne eigene Ab- sichten, kurz, dass er nur mich selbst liebt“. „Ich fühle, dass Du mir die Freundin bist, Du Einzige auf der Welt“, heisst es dann auf der Höhe seines Könnens. Ein andermal wieder: „Ich weiss wohl, dass man keiner anderen Schwester so etwas zumuten könnte; doch gerade, weil Du es bist, so tue ich es.“ Und endlich im Kriegsjahr 1809: „Wir mögen uns wiedersehen oder nieht, Dein Name wird das letzte Wort sein, das über meine Lippen geht, und mein erster Gedanke (wenn es erlaubt ist), von jenseits wieder zu Dir zurückzukehren.‘ Wie sehr ihm Ulrike die Mutter ersetzt, zeigt sich besonders, wenn der Dichter krank oder unglücklich ist. Als auf ihr Betreiben der Befehl zur Freilassung aus der französischen Gefangenschaft kommt, da schreibt er voll Freude: „Ich küsse Dir die Stirn und die Hand‘, also wie einer Mutter. Desgleichen in der Krankheit: „Wie gern möcht’ ich, dass Du an meinem Bette sässest und dass ich Deine Hand hielte; ich fühle mich schon gestärkt, wenn ich an Dich denke.“ Endlich auf ihren Trostbrief: „Liebe, Verehrung und Treue wallten wieder so lebhaft in mir auf, wie in den gefühltesten Augenblicken meines Lebens. Es liegt eine unsägliche Lust für mich darin, mir Unrecht von Dir vergeben zu lassen.‘ Man hört aus diesen Worten ganz deutlich das um Verzeihung bittende Kind und die Herzensseligkeit nach der Vergebung. Endlich ist es auch einer der heissesten Wünsche unseres Dichters, auf welchen er immer wieder zurückkommt, mit seiner Schwester zusammen zu leben oder sie doch mindestens dauernd in seiner Niühe zu haben. Ja, er meint geradezu: „Wenn sich mein Leben würdig beschliessen soll, so muss es doch in Deinen Armen sein.“
So sehr ihn Ulrike vielfach an die Mutter gemahnte, gab’s doch verschiedentlich Augenblicke, wo sie ihm zuviel Persönlichkeit war, zu wenig selbstlos und ihm zuliebe auf alles verzichtend. So besonders auf der Pariser Reise, von der er unmutig an Wilhelmine schreibt: „Du glaubst nicht, wie ihr lustiges, zu allem Abenteuerlichen auf- gewecktes Wesen gegen mein Bedürfnis absticht. Ich ehre Ulrike ganz unbeschreiblich, sie trägt in ihrer Seele alles, was achtungswürdig und bewunderungswert ist, vieles mag sie besitzen, vieles geben können, aber es lässt sich, wie Goethe sagt, nicht an ihrem Busen ruhn.“ Allerdings ist kaum die Trennung erfolgt, so bereut er schon heftig:
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„Hab’ ich jemals Gewissensbisse gefühlt, so ist es bei der Erinnerung an mein Betragen gegen Dich auf unserer Reise. Ich werde nicht auf- hören, Dich um Verzeihung zu bitten, und wenn Du in der Sterbestunde bei mir bist, so will ich es noch tun.“ Doch nachdem Ulrike fast ihr ganzes Vermögen dem Bruder geopfert, findet dieser noch immer, was er dann freilich in seinem Abschiedsbriefe zurücknimmt: .‚Sie hat, dünkt mich, die Kunst nicht verstanden, sich aufzuopfern, ganz für das, was man liebt, in Grund und Boden zu gehen: das Seligste, was sich auf Erden erdenken lässt, ja worin der Himmel be- stehen muss, wenn es wahr ist, dass man darin vergnügt und glücklich ist.“ Sie war ihm doch nicht ganz Mutter gewesen!
IV.
Ein einziges Mal hat unser Dichter ein volles Reiseglück gefunden, u. 2. bezeichnend in Brockes Gesellschaft, der wirklich ganz mütter- liche Selbstlosigkeit war. Ist, wie ich im ersten Kapitel ausführte, auch der Reisedrang einmal Ausdruck des Assoziationswiderwillens, so hat er wie alles psychische Geschehen doch auch noch andere wichtige Wurzeln. Deren bedeutsamste dünkt mich die psychosexuelle zu sein. Auffälligerweise hat Kleist gar nie eine Reise allein antreten mögen. Stets sucht er dazu einen zweiten Gefährten, u. z. einen Mann, aus- genommen einzig die Pariser Reise, die er dann freilich wider Wunsch und auch ohne Genuss. nur einem alten Versprechen gemäss, mit seiner Schwester zusammen machte. Und, was noch merkwürdiger, trotzdem er ausschliesslich mit Freunden reist, in die er entweder schon von früher homosexuell verliebt war, oder wenigstens sich zu verlieben anschickte, so ist das Ende fast immer ein gewaltsamer Bruch und Flucht unseres Dichters, gewöhnlich mit direkter Sterbenssehnsucht. Wiederholt auch macht er dem Freund einen Antrag, gemeinsam in den Tod zu gehn. Woher dies seltsame Verhalten? Ich habe schon oben als Wunsch- phantasie des Knaben genannt, mit der Mutter vor seinem Vater zu fliehen. Der gemeinsamen Flucht, seinem alten Knabentraum sucht er dann später stets neue Erfüllung, wobei sehr durchsichtig hinter dem jeweils geliebten Mann die Mutter sich birgt. Doch gelingt die not- wendige Identifikation nur ein einzig Mal voll, just eben bei Brockes, während in sämtlichen späteren Fällen der Freund sich nie selbstlos genug erweist. Dies führt dann regelmässig zum grossen Zwist und
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weiters zum Wunsch, allem Jammer durch den Tod ein Ende zu machen. Was aber das gemeinsame Sterben bedeutet, das werde ich späterhin näher ausführen.
Ein bezeichnend Detail. Kleist mochte noch so unglücklich sein, sowie er mit einem geliebten Freunde nur reisen darf, fühlt er ein Himmelsglück i in sich einziehn und schreibt an diesen so glühende Briefe, wie niemals zuvor an seine Braut. Nehmen wir z. B. die Schweizer Reise mit Heinrich Lohse. Kleist war im November 1801 mit Ulrike von Paris aufgebrochen. Am 2. Dezember machte er den letzten schriftlichen Versuch, Wilhelmine zu seinem Ideal zu bekehren, wobei im Postskriptum einige charakteristische Worte mit unterlaufen. Der „goldenen Schwester“ lässt er nämlich entbieten, „dass, wenn ihm keine Jugendfreundin zur Gattin würde, er nie eine besitzen würde“, ohne doch freilich bewusst zu erkennen, dass diese „Jugendfreundin“ keine andere wäre, als seine Mutter. Auch regt sich dort schon die Übertragung auf den Mann. Er bedauert in der nämlichen Nachschrift, dass ihn sein — Diener im Stiche lasse. „Wäre er mir nur halb so gut gewesen, als ich ihm, er wäre bei mir geblieben. — Gibt es denn nirgends Treue?“!) In Frankfurt trennt sich der Dichter von Ulrike, um mit Heinrich Lohse weiter zu reisen. Doch kommt es mit diesen. gar bald zum Zwist, infolge dessen Lohse verschwindet, lange von Kleist vergeblich gesucht und, endlich gefunden, mühsam beschwichtigt wird. Freilich bloss für eine kurze Zeit. Denn schon in Liestal kommt es zu einem neuerlichen Auftritt und damit zur definitiven Trennung. Lohse reist ab; Kleist aber, der sich von jener Szene „krankhaft ermattet fühlt am Leibe und an der: Seele“, schreibt an den Geliebten pathetische Worte: „Ich will Abschied von Dir nehmen auf ewig und dabei fühle ich mich so friedliebend, so liebreich, wie in der Nähe einer Todesstunde. Ich bitte um Deine Verzeihung! Ich weiss, dass eine Schuld auch auf meiner Seele haftet, keine hässliche zwar, aber doch eine, diese, dass ich Dein Gutes nieht nach seiner Würde ehrte, weil es nicht das Beste war. O, verzeihe mir! Es ist mein töricht überspanntes Gemüt, das sieh nie an dem, was ist, sondern nur an dem, was nicht ist, erfreuen kann. Ich verzeihe Dir alles, o alles. Ich weiss jetzt nicht einmal, ja, kaum weiss ich noch, was mich gestern so heftig gegen Dich erzürnt hat... Und ich sollte Dich nicht lieben? Ach, wie wirst Du jemals einen Menschen überzeugen können, dass ich Dich nicht liebte; Du hast wohl selten daran u gedacht, was ich schon für Dich getan habe? Und es war doch
D) Versl, hierse die merkwürdige Briefstelle aus Kleistens 16. Lebensjahre, da er königlich preussischer Fähnrich war. „Eigentlich muss ich mit dem Burschen zusammenschlafen, und dies geschähe auch recht gern, denn wenn der Mensch reinlich ist, so ist dies gar nicht sonderbar.“
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soviel, soviel, ich hätte für meinen Bruder nicht mehr tun können. . Und doch konntest Du von mir scheiden? So schnell? So leicht?... Ich fühle mich jetzt wieder so bitter, so feindselig, so hässlich. -— Und doch hättest Du alle holden Töne aus dem Instrumente locken können, das Du nun bloss zerrissen hast... Und wir sollen uns nicht wieder- sehen —? OÖ, wenn Gott diesmal mein krankhaftes Gefühl nicht be- trügen wollte, wenn er mich sterben liesse! Denn niemals, niemals hier werde ich glücklich sein, auch nicht, wenn Du wiederkehrst. .... Wir waren uns doch in Paris so gut, o, so gut. — Bist Du nicht auch unsäglich traurig? Ach höre, willst Du mich nicht noch einmal um- armen?‘ Vier Tage später entdeckt der Dichter, maßlos verblüfft, dass Lohse gar nicht nach Basel geflohen, wie er vermutet, sondern frisch und gesund in Bern geblieben. Und da geschieht nun etwas merk- würdiges. In Liestal hatte er dem Freunde sein Gelöbnis erneuert, die Hälfte von allem zu überschicken, was sein Eigentum sei, also richtig zu teilen wie zwei Eheleute. Jetzt aber erscheint es ihm „süss, dem andern wehe zu tun“. „Gott weiss, ich habe jetzt einen innerlichen Widerwillen vor Dir und könnte Dich niemals wieder herzlich umarmen. Ich nehme also das Obengesagte zurück.“ Doch schon am nächsten Tag ist er versöhnlicher und schickte an Lohse sein Eigentum zurück, doch ohne den Brief. Und als er ihn gar am Morgen darauf unter den Arkaden begegnet, ist alles vergessen und es wird ihm zumute, wie in ihrer besten Liebeszeit. „Aber das war doch wohl nur bloss ein vorübergehendes Gefühl.‘ Sie passten nun einmal nicht zu einander, „Komm noch einmal zu mir, wir wollen ohne Groll scheiden.“
Ich kann mich des Gedankens nicht erwehren, dass diesen ewigen Auftritten und Zwisten, die Kleist auch bei anderen Freunden wieder- holt, das Verhältnis der Eltern zu einander als Vorbild gedient hat. Dass der Dichter etwa die Mutter spielte, während sein jeweils geliebter Freund den Part des Vaters ohne sein Wissen durchführen muss. Ist solches in Ehen hysterischer Frauen doch überaus häufig, was dann die Kinder oft geradezu zwangsmäßig nachahmen müssen. Vielleicht, dass die Mutter nach solchen Auftritten mit dem Sterben drohte, ein andermal wieder pathetische Abschiedsbriefe schrieb, dass sie in den Tod zu gehen willens oder mindest sich dauernd lossagen wolle. Die Erkenntnis jedoch, dass Lohse die Sache gar nicht tragisch nahm, sondern lustig und vergnügt seinen Geschäften nachging, genügte zu einer dauernden Entfremdung.
Ich sagte oben, auch Kleistens Ehrgeiz sei zum Teil psychosexuell begründet. Es galt ja, die Mutter dem Rivalen vom Vater abzugewinnen durch eine unerhörte Tat. Drum verbannt sich der Dichter selber in die Schweiz und erklärt, den Seinen nicht eher unter Augen treten zu wollen. als bis er den Ruhmeslorbeer gepflückt. In der Einsamkeit
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aber wuchs dieser Ehrgeiz vollends zu krankhafter Höhe heran, und da die Braut den Dichter beschwor, in seine Heimat zurückzukehren, erfolgt der Bescheid: „Ihr Weiber versteht in der Regel ein Wort in der deutschen Sprache nicht, es heisst Ehrgeiz. Es ist nur ein einziger Fall, in welchem ich zurückkehre, wenn ich der Erwartung der Menschen, die ich törichter Weise durch eine Menge von prahlerischen Schritten gereizt habe, entsprechen kann. Kurz, kann ich nicht mit Ruhm im Vaterlande erscheinen, geschieht es nie. Das ist entschieden, wie die Natur meiner Seele.“ Der Rückschlag blieb nicht aus. Noch im Juni 1802 bricht Kleist an uns unbekannter Krankheit zusammen, angeblich infolge Gemütserschütterungen und der geistigen Überanstrengung zu- vor. Doch erst nach 2 Monaten wendet er sich an seinen Schwager, er solle ihm den Rest der Erbschaft beheben, da seine Mittel aufgezehrt seien. Auf diese Nachricht eilt Schwester Ulrike alsbald zu ihm, ihn pflegend, bis er genesen war. Mir drängt sich die Vermutung auf, dass bei dieser mysteriösen Erkrankung auch ein psychisches Moment zu- mindest sehr stark im Spiele war, die Möglichkeit nämlich, durch schwere Erkrankung die geliebte Schwester an sein Lager zu zwingen, ohne dass er dabei sich etwas vergäbe. Solche Motive und ähnliches Vorgehen finden wir regelmäßig bei hysterischen Personen, wobei ganz gut geringe organische Affektionen mitbestehen können. Vielleicht war auch überhaupt die ganze Krankheit nur Hysterie, wofür auch die an- gegebene Ätiologie und der Mangel vermeldeter Organsymptome zu sprechen scheinen.
Doch der Ehrgeiz des Dichters sollte auch von homosexueller Seite Nahrung erfahren, was nach den Analysen auf den Vater zurück- geht, der ja die erste, primäre Verkörperung aller gleichgeschlechtlichen Liebe ist. Aus der Schweiz zurückkehrend, sucht Kleist den alten Wieland auf, der, als ihm jener aus dem „Robert @uiskard“ einige Szenen vortrug, darüber in herzlichste Bewunderung ausbrach. Das er- griff den heftig erregten Kleist so gewaltig, dass ihm vor Freude die Sprache verging '); er stürzte zu Wielands Füssen nieder, seine Hände
1) Oben erkannten wir in Kleists Onanie einen mächtigen Grund, warum er sich niemals aussprechen konnte. Das Schuldgefühl gegenüber dem Vater tritt uns hier als zweites Motiv entgegen. Da beide Triebfedern dem Dichter völlig un- bewusst bleiben, gibt er der Schwester als Grund seiner mangelnden Offenheit an, „dass es uns an einem Mittel zur Mitteilung fehle“. Die Sprache tauge nichts da- zu, „sie kann die Seele nicht malen, und was sie uns gibt, sind nur zerrissene Bruchstücke. Daher habe ich jedesmal eine Empfindung wie ein Grauen, wennich jemandem mein Innerstes aufdecken soll; nicht eben weil es sich vor der Blösse scheut aber weil ich ihm nicht alles zeigen kann, nicht kann und daher fürchten muss, aus den Bruchstücken falsch ve:standen zu werden... - Ach. der Mensch hat von Natur keinen anderen Vertrauten als sich selbst‘. Auf die nämlichen Empfindungen gegen seinen Vater, Liebe, Gehorsam und eifersfichtigen
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mit heissen Küssen überströmend. Mich dünkt diese mächtige Reaktion Wiederholung einer Kinderszene, da der schwer belastete Knabe Kleist seinem Vater ebenso stürmisch dankte. Bald nachher spielt eine ähn- liche Szene mit Professor Hindenburg, dem Mathematiker, wie mir sehr wahrscheinlich, von analoger Genesis oder auch vielleicht auf die Mutter zurückgehend. Als jener ihm nämlich Vorwürfe machte, dass er in Paris nicht Mathematik studierte, und ihn traurig anblickte, „fiel ihm der Dichter um den Hals und herzte und küsste ihn solange, bis er lachend mit ihm übereinkam, der Mensch müsse das Talent anbauen, das er in sich vorherrschend fühle“. Und sogleich kommt Kleist der weitere Gedanke, ob er nicht auch mit den anderen Professoren so fertig werden könnte, Zweifellos hat diese Art des Gutmachens in- fantilen Charakter.
Es wird vielleicht manchen bass verwundern, mich die Behauptung aufstellen zu hören, Kleist sei in jenen homosexuell verliebt gewesen, den er nach dem früheren als Nebenbuhler so grimmig hasste. Ganz abgesehen davon, dass Hass und Liebe nur die beiden Seiten einer und - derselben Medaille sind, der Hass oft nur zurückgewiesener ‘Liebe ent- springt, so haben sie selbst aus verschiedenen Wurzeln doch sehr gut nebeneinander Platz, zumal in der Seele eines Kindes. Ein solches kann den Vater, welchen es homosexuell liebt, daneben aus heterosexuellen Motiven auch wütend hassen und diese scheinbar inkompatiblen Empfind- ungen sehr gut vereinen, wenn sie auch gewöhnlich zeitlich auseinander- fallen. Es scheint überhaupt, dass starke Liebe und starker Hass isoliert nicht vorkommen, sondern immer zusammengekoppelt sind. Eine oberflächliche Sympathie und flüchtiges Wohlwollen, die können freilich ganz rein bestehen, sowie auch eine mäßige Abneigung. Allein bei mächtigem Herzensempfinden, der Eltern beispielsweise zu einander, der Kinder zu diesen und vice versa, der Geschwister unter sich, ist beiderlei Fühlen ganz unauflöslich aneinander geschmiedet. Allerdings tritt immer nur eine Empfindung stärker in den Vordergrund, während gleichzeitig die entgegengesetzte gewaltsam unterdrückt und zur Verstärkung der andern benützt wird. Wer z. B. sehr intensiv liebt, hat sicher den Hass in sich unterjocht. Bei passender Gelegen- heit aber kann dieses unterdrückte Empfinden mächtig hervortreten und seinerseits wieder das gegenstehende niederzwingen. Das erklärt den sonst unverständlichen jähen Wechsel von heftiger Liebe und mächtigem
Widerspruch geht auch des Dichters Unfähigkeit zurück, seinem Vorgesetzten irgend Nein! zu sagen, sowie er es jenem auch nicht gekonnt, der ihm von Natur der aller- erste Vorgesetzte war. Hinterdrein freilich ärgert er sich doppelt und ver- schliesst sich in Trotz, „es folge daraus, was da wolle‘. Doch fügt er gleich be- sorgt hinzu: „Ich muss fürchten, dass auch dieses missverstanden wird. weil ich wieder nicht alles sagen konnte“,
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Hass zwischen Menschen, die einander so nahe stehen. Bei Kleist hat es sicher auch eine Lebensepoche gegeben, da er dem Vater ge- waltig anhing. Der Hass war damals eben unterdrückt, wie später die Liebe. Mit der wachsenden Neigung zur Mutter jedoch und damit der Rivalität zum Erzeuger bricht immer stärker der Hass hervor, die ur- sprüngliche Liebe stets mehr unterjochend. Dies Verhalten hindert natürlich nicht, dass gelegentlich, auch die homosexuelle Neigung zum Durchbruch gelangt, wie in der Übertragung auf Wieland z. B. und Hindenburg. In der reifsten Epoche seines Lebens jedoch wird der Dichter vom Hass gegen seinen Vater beseelt und beherrscht, was zumal in aller politischen Betätigung deutlich nachweisbar.
Bei Wieland also trat Kleistens Ehrgeiz, d. h. der Wunsch, es seinem Erzeuger zuvor zu tun, gar mächtig in Erscheinung. „Ihm schwebte das Ideal eines Trauerspiels vor, das über Goethe wie über Schiller hinausflog und nach dessen Bewältigung er mit verzweifelter Inbrunst rang“. „Er hat es seinem Freunde Pfuel oft gesagt“, berichtet Wilbrandt nach mündlicher Mitteilung, „dass es nur das eine Ziel für ihn gebe, der grösste Dichter seiner Nation zu werden; und auch Goethe sollte ihn daran nicht hindern. Keiner hat Goethe leiden- schaftlicher bewundert, aber auch keiner ihn so wie Kleist beneidet und sein Glück und seinen Vorrang gehasst. Dem Freunde gestand er in wild erregten Stunden, wie er es meinte: ‚Ich werde ihm den Kranz von der Stirne reissen‘, war der Refrain seiner Selbstbekenntnisse wie seiner Träume‘. Wir dürfen wohl ohne Bedenken annehmen, dass Goethe und Vater, die beiden Menschen, so er am leidenschaftlichsten bewundert und hasst. hier in eine Person zusammenfliessen. So wenig wie jener im deutschen Dichttum, soll dieser bei der Mutter als erster dastehn. „Ich werde ihm den Kranz von der Stirne reissen!* -— das nur erklärt uns Kleistens ungeheuerliches Ringen. sowie den völligen Zusammenbruch.
Dem forschenden Wieland hatte er, wenn auch zögernd ent- deckt. er arbeite an einem Trauerspiele. Doch schwebe ein so hohes und vollkommenes Ideal seinem Geiste vor. dass ihm noch immer un- möglich gewesen, es zu Papier zu bringen. Zwar seien schon nach und nach viele Szenen aufgeschrieben worden, allein er vernichte sie immer wieder, weil er es sich selbst nicht zu Dank machen könne. Dies Ringen um eine unmögliche Leistung. ein absolut vollkomnienes Ideal, das alles Bisherige in Schatten stelle, ist fast pathognostisch. Wir wissen aus tausendfältiger Erfahrung. dass die Sexualbetätigung jegliches Menschen vorbildlich wird für seine ganze fürdere Entwicklung. Wer sich das Weib seines Herzens erstürmt. wem als Lohn ein hohes Sexualobjekt winkt, das er in mächtigem Ringen erobert, der wird sich auch sonst im Leben durchsetzen. Wen aber kein solcher Wunsch beseelt. wer
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vielleicht in blosser Masturbation Befriedigung findet mit Verzicht auf jedes zu erkämpfende Objekt, der bleibt sein Leblang ein Traumich- nicht und stets ernergielos!). Nicht sehr viel besser ergeht es jenem, der sich ein Weib zum Ziele gesetzt, das schlechterdings unerreichbar bleibt: die eigene Mutter oder auch die Schwester. Wie er da in nutz- losem Kampfe sich aufreibt, so auch im Leben, Wirken und Tun. Und Kleist, der die Mutter nicht erobern kann, vermag sich auch niemals zu Danke zu dichten. Am Ende verbrennt er noch jedes Fragment seiner „unerhörten Tat“, es schliesslich in heller Verzweiflung aufgebend, den Vater jemals besiegen zu können.
Zu Anfang freilich war er noch froher Hoffnung gewesen. Hatte doch Wieland ihn aufgerichtet: „Wenn die Geister des Äschylus, Sophokles und Shakespeares sich vereinigten, eine Tragödie zu schreiben, sie würde das sein, was Kleists Tod Guiskard des Normannen, sofern das Ganze demjenigen entspräche, was er ihn damals hören liess“. Und an die Schwester schreibt der Poet: „Mein liebes Ulrikehen, der Anfang meines Gedichtes, das der Welt Deine Liebe zu mir erklären soll, erregt die Bewunderung aller Menschen, denen ich es mitteile. O Jesus! Wenn ich es doch vollenden könnte! Diesen einz’gen Wunsch soll mir der Himmel erfüllen; und dann mag er tun, was er will®. Schon sieht er den Augenblick, wo sich sein „Schicksal endlich, un- ausbleiblich und wahrscheinlich glücklich entscheiden wird“. Ja, er ist fast entschlossen: „Ich setze meinen Fuss nicht aus diesem Orte, wenn es nicht auf den Weg nach Frankfurt sein kann“. Bald aber kommen wieder Stunden des Zweifels. Zunächst fand Kleist bei Wielands Tochter „mehr Liebe, als recht ist und musste über kurz oder lang wieder fort.“ Wie hätte er mit dieser sich begnügen können, da ihm das weit hehrere Ziel vorschwebte, die Mutter zu erringen, deren Stelle höchstens Ulrike einzunehmen vermochte. Sie sehnt er her- bei, da er, aus Wielands Hause fliehend, in einem Wirtshaus sich einquartiert, ihr schreibt er bänglich: „Und Dich begleitet auf allen Schritten Freude auf meinen nächsten Brief! O Du Vortreffliche! Und o Du Unglückliche! Wann werde ich den Brief schreiben, der Dir so viele Freude macht, als ich Dir schuldig bin?“ Er nimmt sogar Unter- riecht in der Deklamation, seinen „Guiskard“ besser vortragen zu können, Dann packt ihn wieder die Sehnsucht nach den Seinen: „Wenn Ihr mich in Ruhe ein paar Monate bei Euch arbeiten lassen wolltet, ohne mich mit Angst, was aus mir werden werde, rasend zu machen, so würde ich — ja, ich würde!... Aber ich muss Zeit haben, Zeit muss ich haben. — OÖ Ihr Erinnyen mit Eurer Liebe!... Ein einziges Wort
ı) Von dieser Regel gibt es nur einzelne seitene Ausnahmen, auf angeborener Energie beruhend.
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von Euch und ehe Ihr’s Euch verseht, wälze ich mich vor Freude in der Mittelstube. Adieu! Adieu! Adieu! O Du meine Allerteuerste!*
Doch gleichwohl überwand er sich nicht, den Seinen unter die Augen zu treten, ehe er „den Kranz der Unsterblichkeit gepflückt“, Lieber ging er nach Dresden, wo Ernst von Pfuel als heissgeliebter Mann in sein Leben eingreift. Aus dessen Munde weiss man, wie stark der Dichter sich damals von Launen beherrschen lies. Pfuel musste bald spornen, bald wieder mälsigen. Besonders aber hatte er zu manchen Zeiten gegen des Freundes Überhebung zu streiten, seinen Ehrgeiz zu dämpfen, überspannten Hochmut ihm vorzuwerfen. Dann wieder kam über Kleist der andere Dämon der Verzweiflung und der Trieb, dieser ganzen Erbärmlichkeit ein rasches Ende zu bereiten. Wiederholt trug er Pfuel gemeinsam zu sterben an, „und, wie von einer fixen Idee gepackt, kam er immer von neuem darauf zurück“. Pfuel glaubt zu- letzt, dass für den Dichter und seine Tragödie nichts besser sein werde, als der Wechsel und die Bewegung einer Reise, was jener mit Feuer- eifer ergriff. Als vollends die Verständigung mit den Verwandten rascher als er hofft, gelang und von Wieland ein spornender Briet einlangte: „Nichts ist dem Genius der heiligen Muse, die Sie begeistert, unmöglich. Sie müssen Ihren Guiskard vollenden, und wenn der ganze Kaukasus und alles aut Sie drückt!“ — tritt er froheren Mutes die Reise an. Auf dieser gibt's einen herrlichen Tag, und zwar be- zeiehnend, als er mit Werdecks, Pfuel und Lohse, gleich drei ge- liebten Freunden also, einen Ausflug unternimmt. „Freude habe ich an diesem Tage so lebhaft empfunden, dass mir diese Erscheinung noch jetzt, bei dem Kummer, der mir zugleich damals fressend ans Herz nagte, ganz verwunderungswürdig ist“, schrieb unser Diehter. Vielleicht wenn er länger die Freunde genossen, oder Pfuel sich selbstloser, mehr wie Brockes betragen hätte, dass dann der Zusammenbruch auf- zuschieben oder gar zu vermeiden gewesen wäre. So aber schlug schon in Genf die Verzweiflung über ihm zusammen. „Der Himmel weiss, meine teuerste Ulrike (und ich will umkommen. wenn es nicht wört- lich wahr ist), wie gern ich einen Blutstropfen aus meinem Herzen für jeden Buchstaben eines Briefes gäbe, der so anfangen könnte: ‚mein Gedicht ist fertig‘. Ich habe nun ein halbtausend hintereinander folgender Tage, die Nächte der meisten mit eingerechnet, auf den Versuch ge- setzt, zu so vielen Kränzen noch einen auf unsere Familie herab- zuringen, jetzt ruft mir unsere heilige Schutzgöttin zu, dass es genug sei... Und so sei es denn genug... Töricht wäre es wenigstens, wenn ich meine Kräfte länger an ein Werk setzen wollte, das, wie ich mich endlich überzeugen muss, für mich zu schwer ist... Ich kann Dir nicht sagen, wie gross mein Schmerz ist. Ich würde von Herzen gern hingehen, wo ewig kein Mensch hbinkommt. Es hat sich
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eine gewisse ungerechte Erbitterung meiner gegen sie bemeistert. Ich bin jetzt auf dem Wege nach Paris, sehr entschlossen, ohne grosse Wahl zuzugreifen, wo sich etwas finden wird“. Und trotz dieses scheinbar völligen Verziehtes dann im Postscriptum: „Schick mir doch Wielands Brief“, damit er an diesem sich aufrichten könne. In einem Winkel seines Herzens also hofite er doch und wollte getröstet und aufgerichtet werden. _
Trotz aller Mitteilungen Pfuels an Wilbrandt sind wir über das Verhalten des erstern in jenen Tagen zu wenig unterrichtet. Gerade die allerkritischeste Zeit hat der einzige Mitwisser nicht sehr beleuchtet. Vielleicht mit Absicht. Denn wenn ich das Ganze recht überlege, so will’s mich bedünken, Pfuel habe an Kleist keine allzu glückliche Hand bewiesen. Aus dem zu Anfang des 2. Kapitels zitierten Briefe geht die „wunderliche Gewalt“ hervor, die seine Beredsamkeit auf das Herz des Dichters jederzeit ausübte, dass dieser ihn „wie einen Meister verehrte“ und buchstäblich „über alles liebte“, genau wie die Eltern. Das Aufrichten aber, Trösten und Erheben verstand er nicht wie eine Mutter, zumindest nicht im entscheidenden Moment. Schon der Brief an Ulrike beweist uns Kleistens verzweifelte Stimmung. ‚In blinder Unruhe, wie von der Furie getrieben, durchreist er Frankreich von neuem in zwei Richtungen‘, wobei er in allen Gesprächen mit Pfuel ‚auf den Tod als ewigen Refrain zurückkam“ und diesen wiederholt zu über- reden versuchte, gemeinsam mit ihm aus dem Lieben zu scheiden. Ein- mal jedoch nach einem heftigen Streit über Sein und Nichtsein, als Pfuel sich genötigt sah, ihn mit scharfen Worten zurückzuweisen, so ganz und gar unähnlich der liebenden Mutter, eilte der Dichter ver- zweifelnd davon, verbrannte den „Guiskard* und alle Papiere und ent- floh aus Paris, seinen Untergang suchend. Aus St. Omer vermeldet er der Schwester: „Was ich Dir schreiben werde, kann Dir vielleicht das Leben kosten; aber ich muss, ich muss, ich muss es vollbringen. Ich habe in Paris mein Werk, soweit es fertig war, durchlesen, verworfen und verbrannt. und nun ist es aus. Der Himmel versagt mir den Ruhm, das grösste der Güter der Erde; ich werfe ihm, wie ein eigensinnigesKiud, alle übrigen hin. Ich kann mich Deiner Freundschaft nicht würdig zeigen, ich kann ohne diese Freundschaft doch nicht leben; ich stürze mich in den Tod. Sei ruhig, Du Er- habene, ich werde den schönen Tod der Schlachten sterben. Ich habe die Hauptstadt dieses Landes verlassen, ich bin an seine Nordküste ge- wandert, ich werde französische Kriegsdienste nehmen, das Heer wird bald nach England hinüber rudern, unser aller Verderben lauert über den Meeren, ich frohlocke beider Aussicht auf das unendlich prächtige Grab. O0, Du Geliebte, Du wirst mein letzter Gedanke sein‘. Ergänzen wir aus späteren Briefen Kleists, dass er damals
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„unverkennbar Zeichen einer Gemütskrankheit“ aufwies, die immer mehr zunahm, und „bei einer fixen Idee einen gewissen Schmerz im Kopfe empfand, der, unerträglich heftig steigernd, ihm das Bedürfnis nach Zerstörung so dringend machte, dass er zuletzt in die Verwechslung der Erdachse gewilligt haben würde, ihn los zu werden“; endlich, dass er nach jener Einschiffungsgeschichte über Paris nach Mainz die Rück- reise antrat, wo er schliesslich zusammenbrach und „nahe an 5 Monate abwechselnd Bett und Zimmer hüten musste“. „Ich bin nicht im Stande‘, schreibt der Dichter rückblickend an eine Freundin, „ver- nünftigen Menschen einigen Aufschluss über diese seltsame Reise zu geben. Ich selber habe seit meiner Krankheit die Einsicht in ihre Motive verloren und begreife nicht mehr, wie gewisse Dinge auf andere erfolgen konnten“.
Man brächte die Psychiater wohl in arge Verlegenheit, wenn man von ihnen über jenen Zustand und Kleistens Krankheit eine ganz präzise Diagnose verlangte. Vielleicht entschiede man sich noch am ehesten an einen protrahierten hysterischen Anfall oder einen von Dementia praecox zu glauben, so gegen die letztere nicht Kleistens weitere Ent- wicklung spräche. Ich glaube, wir handeln um Vieles vernünftiger, . wenn wir von einer Verlegenheitsdiagnose Abstand nehmen und nach den seelischen Zusammenhängen forschen, die ja doch stets das Wichtigste bleiben, auch bei Hysterie und Dementia praecox. Da dünkt es mich, ausser Frage zu stehen, dass an Kleists Verzweiflung nicht nur die erkannte Unmöglichkeit Schuld trägt, durch seinen „Guiskard“ unerhörten Ruhm, besonders für Schwester und Mutter zu pflücken, sondern ebenso sehr die arge Lieblosigkeit des verehrten Freundes, der so gar nicht selbstlos sich aufopfern mochte. Schiffbruch demnach im Hetero- wie im Homo- sexuellen, in heisser Liebe jeglicher Art. Das ist mehr, als ein Menschen- herz aushalten kann. Nicht selten gibt's auch bei Hysterie Erregungs- zustände, die hart an Geisteskrankheit streifen, oder selbst solche sind, nur mit einer weitaus bessern Prognose. In Kleists damaligen Lebens- umständen war der psychische Mechanismus genau der gleiche, ein Überwältigtwerden des Bewussten durch das Unbewusste, wenn wir auch nicht sämtliche Einzelheiten klarlegen können. Weil der Dichter durch das Benehmen des Freundes an jeder Erfüllung seiner unbewussten Wünsche verzweifelte, getäuscht sich fühlte in der Liebe zu ihm und auch unfähig, die Liebe seiner Schwester zu verdienen, drum schien ihm der Tod noch das einzige Glück. Dass dieser nebenbei auch direkt erotische Lust bedeutet, werde ich später ausführen können.
Der nämliche Durchbruch des Unbewussten, seine volle Über- wältigung des bewussten Ichs erklärt eine Reihe von Merkwürdigkeiten in Kleistens Leben. Schon aus der Studentenzeit berichtet Bülow: „So kindisch ausgelassen er auch sein konnte, war er freilich ebenso
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oft still, ernst und zerstreut. Seine ausserordentliche Zerstreutheit ward seinen Freunden oft ein Gegenstand des Spottes, und er lachte, sobald er geneckt ward, häufig selbst darüber mit. Er mochte in seine Studien noch so sehr vertieft sein, sobald sein jüngerer Bruder eine Melodie zu singen anhub, in der Mitte abbrach, sang Kleist sie ohne Zweifel weiter. Als er eines Tages aus dem Kollegium kam, wollte er nur seinen Rock zu Hause wechsel»; zog sich jedoch in Gedanken bis auf das Hemd aus und war eben im Begriffe zu Bett zu steigen (sexuelle Phantasie?), als sein Bruder dazukam und ihn durch ein lautes Ge- lächter weckte. Nach einer Mitteilung Fouques hatte ihn derselbe zuweilen mit vieler Lebendigkeit eine Begebenheit zu erzählen anfangen, plötzlich mitten darin verstummen und still dasitzen sehen, als ob er allein im Zimmer gewesen wäre. An sein Schweigen erinnert, hatte er zwar mit über sich selbst gelacht und wieder zu erzählen angefangen, war aber nicht selten zum andernmale in denselben Fehler verfallen“. Ähnlich berichtet auch Wieland: „Unter mehreren Sonderlichkeiten, die an ihm auffallen mussten, war eine seltsame Art der Zerstreuung, ‘ wenn man mit ihm sprach, so dass z. B. ein einziges Wort eine ganze Reihe von Ideen in seinem Gehirn wie ein Glockenspiel anzuziehen schien und verursachte, dass er nichts weiter von dem, was man ihm sagte, hörte und also auch mit der Antwort zurückblieb. Eine andere Eigenheit und eine noch fatalere, weil sie zuweilen an Verrücktheit zu grenzen schien, war diese, dass er bei Tische sehr häufig etwas zwischen den Zähnen mit sich selbst murmelte und dabei das Air eines Menschen hatte, der sich allein glaubt, oder mit seinen Gedanken an einem anderen Orte und mit ganz anderm Gegenstande beschäftigt ist. Er musste mir endlich gestehen, dass er in solchen Augenblicken von Abwesenheit mit seinem Drama zu schaffen hatte“ (dem „Guiskard‘).
Wir vernahmen soeben aus Wielands Munde, dass dieser Durch- bruch des Unbewussten dem Laien „an Verrücktheit zu grenzen“ schien. Das ist nun tatsächlich ganz berechtigt, wenn man Verrücktheit buch- stäblich fasst, d. h. die Anschauung ausdrücken will, das Unbewusste sei an Stelle des. bewussten Ichs gerückt, habe dies überwältigt, was vielleicht der Mechanismus aller funktionellen Psychosen ist. Nur muss man sich hüten, eine solche „Verrücktheit“ bei sonst Geistesgesunden, vorübergehende Überwältigung also, die bald korrigiert wird, mit fixiertem und nicht mehr korrigierbarem Wahnsinn zu identifizieren.
Noch „verrückter“ erscheinen andere Züge, die aber eine ver- blüffende Bestätigung meiner früher ausgesprochenen Hypothese bringen, Zu den Männern, die Kleist freundschaftlich liebte, gehörte Adam Müller. Eines Tags nun, als Kleist mit Frau von Rühle schweigend auf der Brühlschen Terrasse promeniert, bricht er plötzlich in die Worte aus: „Ja, ja, esist nicht anders, Müller muss sterben, ich muss
Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebene. (Heft LXX.) 4
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ihn ins Wasser werfen, wenn er mir nicht freiwillig seine Frau abtritt“. Die Freundin fährt erschrocken und erstaunt zurück. Hatte sie bei ihm doch niemals die mindeste Leidenschaft zu jener Dame wahrgenommen, Sie lässt sich die- Worte nochmals wiederholen, allein vergeblich stellt sie ihn zur Rede, da er sich auf keinerlei Erklärung einlässt. Und als ihm Müller bald danach auf der Elbbrücke begegnet, macht er einen ganz ernsthaften Versuch, ihn über die eiserne Brustwehr in den Fluss zu stürzen. In einem seiner letzten Briefe endlich an einen unbekannten Adressaten ist folgende merkwürdige Stelle zu finden: „Kurz Müller, seitdem er weg ist, kommt mir wie tot vor und ich empfinde auch ganz denselben Gram um ihn, und wenn ich nicht wüsste, dass Sie wieder kommen werden, würde es mir mit Ihnen ebenso ergehn®.
Wie ist nun solche „Verrücktheit“ zu deuten? An transitorische Geistesstörung ist nicht zu denken, sieht diese doch völlig anders aus. Und auch sonst will durchaus kein Krankheitsschema auf Kleistens Sonderbarkeiten passen. Wohl aber wird uns alles verständlich, wenn wir auf das Unbewusste rekurrieren und die Erfahrung, dass es ge- legentlich unter günstigen Umständen die Dämme des Bewussten durch- brechen kann. Es handelt sich einfach wie bei allem unbewussten Ge- schehen um sonst zurückgehaltene Wünsche, die hier für die Umwelt verblüffend in Erscheinung treten. Noch verblüffender darum, weil die Zensur des Bewussten genügt, jenen Durchbruch beinahe unkenntlich zu machen. Ausdrücklich wird ja hervorgehoben, dass niemand an Kleist die geringste Leidenschaft für Frau Müller bemerkt hatte. Dann aber bleibt wohl nichts anderes übrig, als eine „Verschiebung“ anzunehmen, einen psychischen Vorgang, der aus Analysen, Mythen- und Traumdeutung wohlbekannt ist, d. h es wird von der richtigen, aber anstössigen Person auf eine harmlosere Gestalt verschoben, welche die Zensur, der innere Widerstand noch passieren lässt. Also ist es wahr, dass Kleist einen Mann ins Wasser stürzen wollte, so er ihm nicht sein Weib abträte, nur ind Adam Müller und dessen Frau bloss Deckfiguren für andere Personen, die klar zu nennen die Zensur verbeut. Doch wessen Frau sollte der homosexuelle Dichter begehren, obendrein so heftig, dass er vor dem Mord an dem Mann nicht zurück- schreckt? Dies passt nun wieder auf keine Bekannten des gereiften Poeten. Hier müssen wir notgedrungen zurückgreifen auf Kleistens Kindheit und das, was ich oben über Mutter und Vater des Dichters ausführte: Wie Kleist die erstere so heiss begehrte, dass ihm der Vater zum Rivalen ward, der um jeglichen Preis entfernt werden muss. Und in seinen Sexualphantasien scheut man auch nicht vor dem Mord zurück, der freilich in Wahrheit nie ausgeführt wird. All dies ist in den Analysen der Neurotiker, doch selbst der völlig gesunden Menschen ganz regelmäßig wiederzufinden und tritt uns auch in den Mythen der
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Völker, z. B. in jenem von Ödipus entgegen, der den Vater erschlägt und die Mutter sich freit. Gerade solch infantile Begierden, die man sehr früh in den Hades des Unbewussten sperrte, sie springen, wenn einmal die Fessel sich lockert, wie etwa im Traum oder auch in Augenblicken der „Verrücktheit*, mehr weniger unverhüllt ans Licht. Zu meiner Annahme stimmt auch sehr gut, dass der abwesende Müller Heinrich von Kleist wie ein Toter vorkommt. Das kleine Kind weiss bekanntlich noch nichts von den Schrecken des Todes, wie Freud in seiner „Traumdeutung“ ausführt: Sterben und Fortsein sind ihm noch identisch. Hat es doch aus Erfahrung gelernt, dass tote Leute, wie etwa der Grosspapa nie wiederkommen. Drum kann es so leicht auch einem Nächststehenden das Sterben wünschen. Totsein heisst ja in der kindlichen Vorstellung eigentlich nichts anderes, als dauernd weg sein und damit unfähig, die Pläne und Wünsche des Kindes zu stören.
Noch befremdender als das Vorerzählte ist, dass unser Dichter mindestens zweimal in seinem Leben Phantasien und Wirklichkeit nicht mehr auseinanderzuhalten vermochte, so dass er die erstern für Realität in den Briefen ausgibt. Der prüde Kleist entwirft z. B, seiner Braut die Schilderung eines Kranken, den er angeblich im Spitale zu Würzburg gesehen habe und welcher infolge von Masturbation wahnsinnig ge- worden, „Ein 18jähriger Jüngling, der noch vor kurzem blühend schön gewesen sei und noch Spuren davon an sicb trug, hing da über die unreinliche Öffnung, mit nackten, blassen, ausgedorrten Gliedern, die Röte eines Schwindsüchtigen über das totenweisse Antlitz gehaucht, eingewunden und eingenäht lagen ihm die Hände auf dem Rücken — er hatte nicht das Vermögen, die Zunge zur Rede zu bewegen, kaum die Kraft, den stechenden Atem zu schöpfen.“ Diese ganze Schilderung, von der ich vorstehend nur einen kleinen Auszug gab, ist schon darum Phantasie, weil solch ein Krankheitsbild als Folge jugendlicher Ver- irrung gar nie existiert hat. Der „goldenen Schwester“ sendet er endlich aus Paris die Beschreibung eines nächtlichen Festes, die leider nur den einzigen Fehler hat, sich niemals zugetragen zu haben.
Woher nun diese seltsame Art, Phantasie und Wirklichkeit zu vermengen? Dass Kleist mit Bewusstsein gelogen habe oder meinet- halben nur „aufgeschnitten“, ist bei seinem so wahrheitsliebenden Charakter wohl auszuschliessen. Näher, bedünkt mich, kommt man der Wahrheit mit der Annahme, dass Kleist wie ein Kind seine Wunsch- phantasieu — und alle Phantasien sind schliesslich Wünsche — so deutlich sah, wobei die poetische Imaginationskraft noch mitspielen mochte, dass er sie schliesslich selber als bare Wirklichkeit empfand. Auf dem romantischen Nachtfest in Paris finden sich zum Schlusse ein Jüngling
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und ein Mädchen in seligem Neigen, also offenbar Kleist und seine Braut, was auch das Ende des Briefes erweist. In einem Schreiben an seinen Vetter phantasiert er von 30 Louisdors als Honorar für seine „Familie Schroffenstein“, in der Phöbuszeit endlich von der 2. Auflage von Rühles Buch, wofür dieser obendrein von Cotta nochmals 300 Rihl. empfangen habe, beides Dinge, die nur als Wunsch in seiner Seele existierten. Das gleiche Motiv, als erfüllte Wahrheit anzunehmen, was noch im weiten Felde lag, vielleicht als vage Möglichkeit in Aus- sicht gestellt oder versprochen worden, erklärt auch vieles im Streite Kleists mit Hardenberg und Raumer, zum Teil auch sein Ver- halten gegen Goethe und Iffland. Und endlich wird uns auch der durch Onanie wahnsinnig gewordene Jüngling in Würzburg nicht un- verständlich bleiben. Ähnliche schreckliche Folgen derselben fand Kleist in Tissots „De l’onanisme® geschildert, einem dazumal recht ver- breiteten Irrbuch., Erwägen wir, dass unser Dichter just damals ob jener Verirrung an den schrecklichsten Selbstvorwürfen litt und sich seine Zukunft aufs Schwärzeste ausmalte, so haben wir wohl in der Phantasie vom wahnsinnigen Jüngling nichts andres zu sehen als Kleistens eigne, nur nach aussen projizierte Befürchtungen und Sorgen, wie ähnlich in sämtlichen Halluzinationen von Geisteskranken. Für Kenner der psychoanalytischen Forschung füge ich bei — was hier auszuführen zu weitschweifig wäre — dass auch hinter Kleistens schrecklichsten Befürchtungen sich Wünsche bergen, wie hinter jeder neurotischen Angst.
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Es ist mir aus räumlichen Gründen nicht möglich, wozu noch der Mangel an Quellen kommt, auch des Dichters spätere Lebensjahre in derselben Ausführlichkeit durchzunehmen, wie seine früheren. Ich will also nur ein paar der wichtigsten Momente erklären, das andere jedoch mehr kursorisch berühren. Nach der Katastrophe von St. Omer folgte in Kleists Leben ein gewaltiger Rückschlag. Da seine „unerhörte Tat“ misslungen, auch „das prächtige Grab“ nicht gefunden war, ist er völlig gebrochen und wird zum gehorsamen, willenlosen Werkzeug in der Schwester Hand, welche immer mehr an die Stelle seiner Mutter rückt. Von ihr erwartet er jede Bestimmung, ihr wirft er sich zu
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Füssen, ihre Worte sind ihm Befehl und Gebot. Er lässt sich ein kärgliches Monatsgeld aussetzen, ist sogar zur Übernahme eines Anıtes bereit und kennt nur einen einzigen Wunsch, mit der geliebten Schwester zusammenzuhauser. „Ich bin sehr traurig. Du hast zwar nicht viel Mitleiden mit mir, ich leide aber doch wirklich erstaunlich. Ich weiss doch, dass Du mir gut bist und dass Du mein Glück willst, Du weisst, nur nicht, was mein Glück wäre. ... Ich sehe hier keinen Menschen und bedarf Deiner lieben Gesellschaft.“
Im Januar 1805 erfolgt ein überaus mächtiger Durchbruch von Kleistens homosexuellem Empfinden, welches uns der Brief an Pfuel erweist, den ich mehrfach schon anführte. Möglich auch, dass der Geschwister Verhalten, die in ihm doch nur das mauvais sujet der Familie erblickten, ihn zum Manne hindrängte. Jedenfalls wird die Liebe zu Freunden für sein fürderes Leben immer mehr entscheidend. Im Juli 1805 beklagt er sich über „rheumatische Zufälle und ein Wechsel- fieber, das ihn ganz auf den Hund bringe.“ Von dieser Angabe wäre höchstens die Malaria positiv zu werten, während „rheumatische Zufälle“ noch heute ein vager medizinischer Begriff sind. Ein Jahr darauf be- gründet Kleist sein Urlaubsgesuch mit „einem fortdauernd kränklichen Zustand seines Unterleibes, der sein Gemüt angreife und ihn bei allen Geschäften auf die sonderbarste Art ängstlich mache.“ Heutzutage würde man diese hypochondrischen Klagen wohl am besten als Angst- hysterie bezeichnen, wofür auch die spätern Symptome sprechen. Zu Ende August erwacht seine alte Todessehnsucht und der Wunsch, zu- sammen mit Rühle aus dem Leben zu scheiden. Im Oktober kommen neue Klagen, denen wieder gemeinsam, dass jede organische Grundlage fehlt. „Ich leide an Verstopfungen, Beängstigungen, schwitze und phanta- siere und muss unter drei Tagen immer zwei das Bett hüten. Mein Nervensystem ist zerstört.“ Die Seebäder in Pillau hätten nichts geholfen, sein Kopf sei schwer und äusserst vergesslich. Da naht der preussisch- französische Krieg und die blosse Weckung des vaterländischen Kom- plexes genügt, ihm seine Beschwerden fast wegzunehmen. „Ich fühle mich leichter und angenehmer als sonst.“ Ja, sogar die plötzliche Gefangennahme, allerdings in Gesellschaft von zwei Kameraden, und die Internierung im fremden Land, obendrein in oft unwürdigen Räumen, kann seine gehobene Stimmung nicht drücken. „Wenn nur dort meine Lage einigermaßen erträglich ist, so kann ich daselbst meine lite- rarischen Projekte ebenso gut ausführen. Ich bin gesunder als jemals und das Leben ist noch reich genug, um zwei oder drei unbequeme Monate aufzuwiegen.“ Wie da der vaterländische Komplex als Heil- faktor wirkte, werde ich später auseinandersetzen.
Auch nach der Freilassung hielt Kleistens gute Laune an, zumal
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er in Dresden nach einer kurzen Liebesgeschichte mit Julie Kunze in mehreren Freunden für sein Herz willkommene Nährung fand. Nächst der Idylle auf der Aareinsel gibt es in Kleistens ganzem Leben vielleicht keine glücklichere Epoche als die „Phoebus“-Zeit, da er sich mit Rühle, Pfuel und Müller, den drei geliebtesten Freunden also, zu gemeinsamer Arbeit am Journal verband. Trotzdem auch jetzt noch sein „mittlerer Zustand krankhaft ist, seine Nerven zerrüttet und er nur periodenweise gesund“ — alles natürlich ohne irgendeine organische Erkrankung — atmen doch sämtliche damaligen Briefe höchste Zufriedenheit und frohen Ausblick in die Zukunft, wobei auch des Dichters Phantasie mehr als einmal durchgeht. Mit dem drohenden und selbstredend noch stärker mit dem ausgebrochenen Krieg trat auch Kleists gewaltiger Patriotismus immer mehr in Erscheinung, der noch jetzo das Entzücken der Deutschen bildet, zumal jedes Preussen.
Was sind nun die seelischen Grundbedingungen für dieses so hoch bewertete Gefühl? Man achte, der Dichter lebte um die Wende des 19. Jahrhunderts in einem Staate, der alles eher als national geeint war. Deutschland war damals höchstens „ein geographischer Begriff“, und die Liebe zum Vaterland, wie selbst noch heute in manchen Staaten mehr Liebe zum Herrscher!) oder, was nicht selten, Hass gegen einen fremden Unterdrücker, ob dieser nun Napoleon oder Bismarck heisst. Ich möchte zum Vergleiche mit Heinrich von Kleist zwei andere deutsche Dramatiker heranziehen, welche etwa der gleichen Epoche an- gehören: Goethe und Grillparzer. In beider Würdigung spielt die vaterländische Gesinnung eine wichtige Rolle. Dem erstern können die Deutschen es noch heute nicht verzeihen, dass er so gar nicht patriotisch empfand, dem letzteren hinwieder brachte der Durchbruch des nämlichen Gefühls weit höhere Ehren, als Zeit seines Lebens all seine Dichtung. Wie aber sah der beiden Empfinden und Nicht- empfinden in Wirklichkeit aus? Wenn der erstere von Napoleon sprach, war sein stetes Wort: „Der Mann ist Euch zu gross!“ Wie ganz regelmäßig war der Kaiser auch Goethe nur Identifikation mit dem eigenen Vater, der in seinem Hause eiserne Zucht hielt, welcher auch Wolfgang sich unterordnen musste, ob er im Inneren noch so sehr knirschte. Ihm war der Vater wirklich „zu gross“ und jedes An- kämpfen völlig vergeblich. Grillparzer wieder, der das Lieblingskind seines Erzeugers gewesen, zu dem er in scheuer Ehrfurcht aufblickte, empfand die Revolution zu Anfang zweifellos wie Befreiung von dem unglaublichen Drucke des Vormärz. „Als aber jeder, dem es beliebte, in die Hofburg ging, in den Tisch schlug und den Erzherzögen Grob-
1) Patriotismus rührt von pater her, nicht erst von der weiteren Ableitung patria.
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heiten sagte“, da war es mit seiner Zustimmung aus und er apostrophierte Radetzky mit den berühmten Worten: „In Deinem Lager ist Öster- reich!“ Hier wird also wieder der Erzherzog als Respektsperson dem eigenen Vater gleichgestellt. Und Unehrerbietigkeit wider beide ist eine Schuld, die nicht zu verzeihen. Bei Heinrich von Kleist ist es minder die Liebe zu seinem König, wie Hass gen den übermächtigen Unterdrücker, als der ihm der eigene Erzeuger erschien. Dem Landes- fürsten, der ikm einmal nicht freundlich genug begegnete, hatte schon der Jüngling entgegengeschleudert: „Wenn der König meiner nicht bedarf, so bedarf ich seiner noch weit weniger. Denn es möchte mir nicht schwer werden, einen andern König zu finden, ihm aber, sich andere Unterthanen aufzusuchen.“ Doch später wuchs ihm Napoleon, der Unterdrücker Europas, immer mehr in die Rolle des ihn unter- drückenden Vaters hinein, was seinen maßlosen Hass erklärt, viel besser denn alle patriotische Gesinnung.
Mag sein, dass der direkte Attentatsplan, den unser Dichter gehabt haben soll, nur unverbürgter Anekdote entspringt. Allein nach den Briefen nicht wegzuleugnen ist, dass Kleist die Ermordung Napoleons ersehnte. Schreibt er doch im Dezember 1805 bereits an Rühle: „Warum sich nur nicht einer findet, der diesem bösen Geist der Welt die Kugel durch den Kopf jagt? Ich möchte wissen, was so ein Emigrant zu tun hat.“ Das ist ein durchaus authentischer Brief und keine Anekdote, und von deın Verlangen, den Unterdrücker getötet zu sehen, bis zum direkten Mordplan ist wenigstens in der Phantasie nur ein kleiner Schritt. Stets wieder zieht es Kleist auf das Schlachtfeld, natürlich immer in Freundesbegleitung, „in der Absicht, sich mittelbar oder unmittelbar in den Strom der Begebenheiten hineinzuwerfen.* So als er von Königsberg dorthin aufbricht und in französische Gefangen- schaft gerät, und noch bezeichnender 1809, da er von Dresden nach Österreich reist. „Was ich nun eigentlich in diesem Lande tun werde, das weiss ich noch nicht“, schreibt er der Schwester, „die Zeit wird es mir an die Hand geben “ Das heisst wohl durchsichtig, er kann nicht nahe genug dabei sein, wenn Napoleon-Vater seinen Meister findet. Nach Österreichs Erhebung „zweifelt er keinen Augenblick mehr, dass der König von Preussen und mit ihm das ganze Norddeutschland los- bricht und so ein Krieg entsteht, wie er der grossen Sache, die es gilt, würdig ist.“ Um so härter schlug ihn dann die Enttäuschung, welche sicher unter den Selbstmordmotiven eine ganz erhebliche Rolle spielte. Kurz vor seinem Tode traf die Nachricht ein, dass Napoleon zu Besuch nach Berlin kommen werde. „Wie diese Aussicht auf mich wirkt, können Sie sich leicht denken; es ist mir ganz stumpf und dumpf vor der Seele, und es ist auch nicht ein einziger Lichtpunkt in der Zukunft, auf den ich mit einiger Freudigkeit und Hoffnung hinaussähe.“ Und
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das Bündnis vollends mit dem Unterdrücker, das selbst jede Zukunfts- hoffnung verschloss, gab all seinem Ringen den Gnadenstoss. „Die Allianz, die der König jetzt mit den Franzosen schliesst, ist auch nicht eben gemacht, mich im Leben festzuhalten. ... Was soll man doch, wenn er diese abschliesst, länger bei ihm machen? Die Zeit ist ja vor der Türe, wo man wegen der Treue gegen ihn, der Aufopferung und Standhaftigkeit und aller anderen bürgerlichen Tugenden. von ihm selbst gerichtet, an den Galgen kommen kann.“ Nur ist es minder die Not des Landes, als die persönliche Hoffnungslosigkeit, den Vater jemals besiegen zu können, welche Kleist unter anderm die Waffe gen die eigne Brust kehren lässt ').
Freilich muss man, um seinen Selbstmord zu begreifen — lückenlos ist dies auch jetzt noch nicht möglich — eine Reihe andrer Momente heranziehn. Das früheste, was da berichtet wird, ist, dass schon der Knabe Heinrich von Kleist mit seinem melancholischen Vetter v. Pannwitz die schriftliche Abrede getroffen habe, freiwillig aus dem Leben zu gehn, was beide später tatsächlich ausführten, der Vetter in Bälde, Heinrich jedoch erst etwa 2'/, Dezennien hernach. Frühzeitig ınuss, zum Mindesten vorübergehend, der Gedanke an Selbstmord in des Dichters Seele verdrängt worden sein. Denn als in seiner Studenten- zeit ein nächster Freund sich durch einen Pistolenschuss das Leben nehmen wollte, aber nur ein entstelltes Gesicht davontrug, hatte Kleist „mit einem anderen Freunde ein sehr merkwürdiges Gespräch über den Selbstmord und schrieb dem Unglücklichen einen schönen, herzergreifenden Brief über das Sündhafte einer solchen feigen Tat.“ Noch bezeichnender dünkt mich ein Ausspruch Kleists über den Selbstmord aus dem Jahre 1809: „solch ein Mensch komme ihm gerade vor wie ein trotziges Kind, dem der Vater nicht geben wolle, was er verlange, und das danach hinauslaufe und die Türe hinter sich zuwerfe*; ein Bild, das offenbar aus des Dichters eigenem Leben genommen.
Der Wunsch, mit einem andern zu sterben, weitaus am liebsten mit einem Freund, durchzieht wie ein Zwangsimpuls Kleistens Leben. Oft schon geringes Ungemach genügt. natürlich noch mehr die Stunde der Verzweiflung, damit er an einen Geliebten sich wende, gemeinsam mit ihm aus dem Leben zu scheiden. Ganz ähnlich füchtet auch der
1) Ich weiss gar wohl, dass diese hier vertretene Anschauung den heftigsten Widerspruch finden wird, doch kann ich nur sagen, dass, wo ich eine patriotische Gesinnung zergliedern konnte, ich regelmäßig auf solche und ähnliche unbewusste Motive stiess. Wo die Vaterlandsliebe nichts anderes ist als die Liebe zu dem eigenen Vater, dem zumal in der Kindheit so heiss geliebten und viel bewunderten, kommt obendrein oft der Patriotismus des Vaters hinzu, den er seine Kinder auch direkt lehrt. Und keines Gesinnung nimmt man ja leichter und williger an als jenes, den man bewundert und liebt. Entscheidend jedoch bleiben stets die psycho-
sexuellen Motive. Sn
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Masturbant stets neu in das gewohnte Laster bei jeglicher Widrigkeit, welche ihn trifft. Wir wissen verlässlich, dass Kleist wiederholt Ernst Pfuel, Otto Rühle, Fouque und Marie von Kleist zu gemein- samem Sterben zu bewegen suchte, eine gleiche Anregung der Henriette von Schlieben und der Henriette Vogel begierig aufgriff, und es ist nicht unmöglich, dass er solches Verlangen auch an andere richtete, welche es uns nur nicht überlieferten.
Zwei Dinge scheinen mir klar zu 'sein und völlig unter Beweis zu stellen. Zum ersten, dass das Sterben für Kleist nicht die gewöhnliche Bedeutung hatte. Gewiss, es gab auch in seinem Dasein einzelne Momente, da ihn die grässlichste Todesangst packte, wie manche Brief- stellen und vor allem der „Prinz von Homburg‘ dartun Allein just in den kritischesten Augenblicken tritt das Grauen vor der Lebens- vernichtung, die Scheu vor dem Jenseits nicht nur zurück, sondern macht einer andern Empfindung Platz, welche ich nicht anders bezeichnen kann, denn als — förmlichen Sexualgenuss. Der Tod als solcher, vornehm- lich jedoch ein gemeinsames Sterben ist dem Dichter geradezu erotische Lust. Nicht nur, dass Kleist wiederholt von einem „schönen Untergang“ schwärmt oder in der Verzweiflung über den „Guiskard“ seiner Schwester schreibt: ‚Unser aller Verderben lauert über den Meeren, ich froh- locke bei der Aussicht auf das unendlich prächtige Grab“, so heisst es in der Abscniedsepistel an Marie von Kleist: „Wenn Du wüsstest, wie der Tod und die Liebe sich abwechseln, um diese letzten Augenblicke meines Lebens mit Blumen zu bekränzen, gewiss, Du würdest mich gern sterben lassen. Ach, ich versichere Dich, ich bin ganz selig. Morgens und abends knie ich nieder, was ich nie gekonnt habe, und bete zu Gott; ich kann ihm mein Leben, das allerqualvollste, das je ein Mensch geführt hat, jetzo danken, weil er es mir durch den herrlichsten und wollüstigsten aller Tode vergütigt“; und in dem letzten Brief an Ulrike: „Möge Dir der Himmel einen Tod schenken, nur halb an Freude und unaussprechlicher Heiterkeit dem meinigen gleich: dass ist der herzlichste und innigste Wunsch, den ich für Dich aufzubringen weiss."
Ist dies nun Wahnsinn, wie vielfach geglaubt wird? Ich meine mit nichten. Vielmehr bringt jenes gemeinsame Sterben mit einem Weibe, dass dies noch obendrein selbst von ihm heischt, einem alten Zwangsimpuls frohe Erfüllung und — einer alten Liebesbedingung, die Kleistens ganzes Leben durchzieht. Ist: es nicht auffällig, dass der Dichter auch in grösster Verzweiflung nie daran denkt, seinem Leben allein ein Ende zu machen? Selbst in St. Omer will er sich nur erschiessen lassen, und die Opiumvergiftung, von der Bülow berichtet, war höchstwahrscheinlich unbeabsichtigt, durch unvorsichtiges Ein-
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nehmen einer allzu grossen Dosis des Mittels, das der Arzt ihm zur Nervenberuhigung gab. Ja, es wird versichert, dass Kleist sich wieder- holt gegen den Selbstmord aussprach — allerdings immer dann, wenn man ihn allein ausführen solite. Daneben jedoch besteht ganz sicher der unsterbliche Wunsch, mit einem männlichen oder weiblichen Freund „die grosse Entdeckungsreise anzutreten“,
Hier berühre ich nun den zweiten Punkt, der nicht nur absolut sicherzustellen, sondern auch über den Einzelfall Kleist hinaus die Genesis der Liebe sehr deutlich aufhellt. In einem kleinen Freundeskreise hat Freud ganz kürzlich das Wörtchen „Liebesbedingung‘‘ geprägt. Es will besagen, dass jeder im Innersten, wenn auch ganz unbewusst, präzise Ansprüche an seine Herzensliebe herumträgt, die erfüllt werden müssen, soll er sich wirklich verlieben können. . Es ist wie eine Mine, auf welche man unversehens stösst, worauf dann alles urplötzlich in die Luft fliegt. Die Erfüllung solcher „Liebes- bedingungen‘ erklärt nicht allein die Liebe auf den ersten Blick, sondern auch ein Phänomen, das mit zu den grössten Rätseln gehörte. Man erlebt nicht selten, dass jemand, welcher die längste Zeit achtlos an einem Mädchen vorbeiging, sich mit einem Schlage in dieses verliebt, ohne dass man eigentlich wüsste, warum. Ja, hinterdrein ist der Be- treffende selber maßlos erstaunt, dass er so lange an jener Perle vorbei- sehen konnte, die ihm jetzt auf einmal sämtliche Vorzüge zu haben scheint. Und der Grund für diese seltsame Wandlung? Sie erfüllte mit eins, ‚ohne es zu ahnen oder gar zu wollen, seine ganz spezifische, unerlässliche Liebesbedingung.
Auch Heinrich von Kleist hat die Vogel längere Zeit schon gekannt, eh’ er in Liebe zu ihr entbrannte. Ja, er soll für sie, die nach Arnims Urteil „ziemlich alt und hässlich war“ !), anfangs eher das Gegenteil von Zärtlichkeit empfunden haben, zumal er in Marie von Kleist verliebt war, den verkörperten „Tugend‘“-Begriff seiner Jugend. Da macht ihm jene unzweifelhaft hysterische Frau, die sich unheilbar krank und grässlichem Ende ausgeliefert wähnt, den überraschenden Vorschlag, sie zu erschiessen. War doch damals, wenn wir Peguilhen glauben, ihr einziges Streben, „mit einem lieben Freunde vereint die Welt zu verlassen“. Das aber war just die nämliche unerlässliche Liebesbedingung, die auch unser Dichter selber begehrte. Und die Frau, welche solche „unerhörte Lust‘ gewährt, muss es notwendig über alle davontragen. Selbst der geliebten Cousine
l) In einem ganz jüngst erst publizierten Brief beklagt sich Marie von Kleist darüber, dass sich der Dichter den Tod geben konnte „mit einer ganz gemeinen Frau, wie man sagte, dass diese gewesen ist, in die er nicht einmal ver- liebt war, die hässlich, alt, eitel und ruhmsüchtig und sich eine Celebrität hat geben wollen auf diese Weise.*
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Marie kann er dann nur schreiben : „Niemals würde ich diese Freundin gegen Dich vertauscht haben, wenn sie weiter nichts gewollt hätte, als mit mir leben. Aber der Entschluss, der in ihrer Seele aufging, mit mir zu sterben, zog mich, ich kann Dir nicht sagen, mit welcher unaussprechlichen und unwiderstehlichen Gewalt an ihre Brust. Ein Strudel von nie empfundener Seligkeit bat mich ergriffen und ich kann Dir nicht leugnen, dass mirihr Grab lieber ist, als die Betten aller Kaiserinnen der Welt“)
Nur wer die Unfehlbarkeit spezifischer Liebesbedingungen keunt, wird nicht erstaunen über „den Triumpfgesang, den Kleistens Seele im Augenblick des Todes anstimmt‘“. Die andern jedoch sind bass verblüfft über alle dithyrambische Verzücktheit, den „geradezu tollen Brief- wechsel‘, den „an Irrsinn grenzenden Austausch von Kosenamen‘“?) und wie all die Äusserungen laienhaften Unverständnisses noch heissen. Und dann erfüllt Henriette Vogel auch des Dichters unsterbliches Kinder- verlangen, „ganz für das, was min liebt, in Grund und Boden zu gehen“. „Iechne dazu“, schreibt er an Marie, „dass ich eine Freundin gefunden habe, deren Seele wie ein junger Adler fliegt, wie ich noch in meinem Leben nichts ähnliches gefunden habe; die meine Traurigkeit als eine höhere, festgewurzelte und unheilbare begreift, und deshalb, obschon sie Mittel genug in Händen hätte, mich hier zu beglücken, mit mir sterben will, die mir die unerhörte Lust gewährt, sich um dieses Zweckes willen so leicht aus einer ganz wunschlosen Lage, wie ein Veilchen aus einer Wiese herausheben zu lassen; die einen Vater, der sie anbetet, einen Mann, der grossmütig genug war, sie mir abtreten zu wollen, ein Kind so schön und schöner als die Morgensonne nur meinetwillen verlässt: und Du wirst begreifen, dass meine ganze jauchzende Sorge nur sein kann. einen Abgrund tief genug zu finden, um mit ihr hinab- zustürzen.‘
Ich weiss gar wohl, dass die Lösungen, welche ich vorstehend gab, nicht mehr als das Allergröbste erklären. Doch ein Schelm, der mehr gibt, als er besitzt. So lange die Kindheit unseres Dichters ein Buch
1) Marie von Kleist schreibt über ihre Empfindungen nach Kleistens Selbstmord: „Alle grossen Schicksale der Alten, alle Dichtungen der Alten waren mir begreiflich. Ich sah deutlich eine höhere Macht. Hätte er diese Frau geliebt, so war es nichts. Dass er aber mit derselben glühenden Leidenschaft für mich zu den Füssen einer anderen sich erschoss, davon hat die Menschheit noch kein Beispiel.“
2) Will man hiefür Erklärung geben, so darf man nicht wie Reinhold Steig nach literarischen Reminiszenzen suchen — wie lächerlich, dass Kleist im Angesicht des Todes das „Ännchen von Tharau“ in Prosa aufgelöst haben soll — sondern muss an die Schmeichel- und Zärtelnamen denken, welche die Mutter ihrem erstgeborenen Sohn gegeben haben wird.
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mit sieben Siegeln, so lange man nicht mindestens psychoanalytisch die Neigung zu gemeinsamem Sterben in einer Reihe von Fällen auf- gelöst hat!), so lange uns endlich von Kleistens Eltern keine Kunde ward, ist kaum mehr zu sagen, als ich oben vorbrachte. Immerhin bedünkt mich einiges neu zu präzisieren und anderes wiederum aus- zuschliessen. Genüber der erfüllten Liebesbedingung treten alle übrigen Motive zum Sterben tief in den Schatten. Am wenigsten, däucht mich, hat wohl die Not unsern Dichter in den Tod getrieben. Denn er bat, wie Rahmer ganz richtig hervorhebt, den Mangel an Geld nie ver- zweifelt empfunden und ging mit Heiterkeit in den Tod. Erheblicher erscheinen mir andere Momente, Zunächst, dass er in den letzten Monden alle Männerfreundschaft entbehren musste — man denke nur an die schweren Gemütserschütterungen Kleists nach dem Fortgang Brockes — und ein letzter Versuch, Ulrike zu gemeinsamem Hausen zu be- wegen, von dieser abgewiesen wurde. Nachhaltig hat ihn dann weiters die üble Aufnahme erschüttert, die er bei seinen Nächsten fand. „Ich wollte doch lieber zehnmal den Tod erleiden, als noch einmal wieder erleben. was ich das letzte Mal in Frankfurt an der Mittagstafel zwischen meinen beiden Schwestern, besonders als die alte Wackern dazu kam, empfunden habe. .. Der Gedanke, das Verdienst, das ich doch zuletzt,
1) In den allerjüngsten Tagen hat einer meiner Kranken, der wegen schwerer Zwangsneurose psycho-analytisch behandelt wird. mir folgende ähnliche Gedanken berichtet. die ich um ihrer Deutung willen hier einflechten will. Vorausgeschickt sej. dass mein Patient in der Kindheit sicher in seine Mutter verliebt war, welche mit dem Vater fast beständig in Zank und Hader lebte: des weiteren, dass der Kranke im Verlaufe seiner nunmehr halbjährigen Behandlung sehr tief in die geheimsten psychischen Motive seiner Handlungen und Zwangsimpulse eingedrungen war. Mein Stenogramm lautet: „Der Gedanke, mit dem ich mich stets beruhigte: wenn meine Frau stirbt, so hringe ich mich um, hat seine Wurzel wohl darin, dass ich als Kind mit der Mutter zugleich sterben wollte, um dem Vater zu entgehen, und es ist originell. dass ich, ganz jung verheiratet, öfters mit dem Gedanken an die Frau herantrat, zusammen mit mir zu sterben. Im Ernste freilich hätte ich es wohl nicht getan, aber ich spielte sehr gern mit diesem Gedanken. der vielleicht aus der Kinderzeit herstammt. Wenn die Mutter das Leben unerträglich fand, was sie ja häufig sagte, werde ich mir gedacht haben: am besten wäre es, gemeinsam zu sterben. Oftmals dachte ich mir: ich wär’s imstande, zusammen mit der Frau zu sterben. Bezeichnenderweise habe ich bei Paaren. die sich im Hotel gemeinsam umbrachten, immer zuerst daran gedacht. dass sie vorher die ganze Nacht ge- schlechtlich verkehrt haben dürften. Ich wollte also wahrscheinlich zuerst mit der Mutter verkehren und dann gemeinsam den Tod mit ihr suchen.“ Sollte die Deutung meines Patienten noch durch andere Analysen Bestätigung finden, dann hiesse gemeinsam sterben wollen sovie] als (ursprünglich natürlich mit der Mutter) gemeinsam schlafen und verkehren wollen. Und das von Kleist so sehr ersehnte Grab (sowohl bei der Henriette Vogel als in St.Omer) wäre dann einfach gleich- bedeutend mit dem Bett der Mutter. Durch all dies erhielte meine im Text gegebene Erklärung, dass der Doppelselbstmord für Kleist entschieden sexuell lustbetont war, von einer neuen Seite Bekräftigung.
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es sei nun gross oder klein, habe, gar nicht anerkannt zu sehen und mich von ihnen als ein ganz nichtsnutziges Glied der menschlichen Gesellschaft, dass keiner Teilnahme mehr wert sei, betrachtet zu sehn, ist mir überaus schmerzhaft, wahrhaftig, es raubt mir nicht nur die Freuden, die ich von der Zukunft hoffte, sondern es vergiftet mir auch die Vergangenheit.“ Endlich hat ihn wohl auch die Allianz des Königs mit dem Unterdrücker, welche die Beseitigung Napoleon-Vaters un- möglich machte, tief deprimiert. Doch all diese Nebengründe zusammen hätten nicht vermocht, unserm Dichter die Waffe in die Hand zu drücken. Dies vermochte einzig die so glänzend erfüllte Liebesbedingung !).
ı) Hier noch einige Ergänzungen zum gemeinsamen Sterben Kleists und der Henriette Vogel. Peguilhen macht in seinem von Rahmer zitierten Berichte, übrigens dem einzigen, der eine psychologische Erklärung versucht, die folgende treffend-tiefgründige Äusserung: „Ob nicht auch die Aussicht im Hinter- grunde lag, bald mit dem geliebten Gegenstande in innerem verklärten Zustande ewiger Vereinigung und Glückseligkeit wieder zu erwachen, mag ich nicht ent- scheiden, wenigstens stand bei beiden der Glaube an ein zukünftiges Leben. un- erschütterlich fest. Diese Aussicht auf einen innigeren Verein, als er in dieser Welt möglich war, und auf die überschwengliche Seligkeit einer himmlischen Zukunft konnte einen Kleist wohl dahin führen, seine frevelnde Hand an die Gattin seines Freundes, an die Geliebte seines Herzens zu legen.“ Das stimmt tatsächlich zu den Ergebnissen meiner Analysen. Es ist gar nicht selten, und z.B. auch von Lenau und Sofie Löwenthal durch ihre eigenen Briefe erhärtet, dass man vom Jenseits die Erfüllung aller Liebeswünsche hofft, die hier auf Erden nicht möglich ist. Und ähnlich muss wohl auch Heinrich von Kleist empfunden haben, nach seinem Brief an Rühle vom 31. August 1806 zu urteilen. Einige von dessen charakteristischen Stellen will ich hier anführen. Kleist hatte von des Freundes Liebesglück erfahren und warnt nur vor allzu heftiger Leidenschaft. Dann fährt er fort: „Der Gedanke will mir noch richt aus dem Kopf, dass wir noch einmal zusammen etwas tun müssen. Wer wollte auf dieser Welt glücklich sein. Pfui, schäme Dich, möcht ich fast sagen, wenn Du es willst! Welch eine Kurzsichtigkeit, 0, Du edler Mensch, gehört dazu, hier, wo alles mit dem Tode endigt, nach etwas zu streben. Wir begegnen uns, drei Frühlinge lieben wir uns: und eine Ewigkeit fliehen wir wieder auseinander. Und was ist des Strebens würdig, wenn es die Liebe nicht ist! Ach, es muss noch etwas anderes geben als Liebe, Glück, Ruhm etc, x y 2, wovon unsere Seelen nichts träumen. Es kann kein böser Geist sein, der an der Spitze der Welt steht; es ist bloss ein unbegriffener! ... Denke nur, diese unendliche Fortdauer! Myriaden von Zeiträumen, jedweder ein Leben und für jedweden eine Erscheinung wie diese Welt!... 0, Rühle, sage mir, ist dies ein Traum? Zwischen je zwei Lindenblättern, wenn wir abends auf dem Rücken liegen, eine Aussicht, an Ahndungen reicher, als Gedanken fassen und Worte sagen können. Komm, lass uns etwas Gutes tun und dabei sterben! Einen der Millionen Tode, die wir schon gestorben sind und noch sterben werden. Es ist, als ob wir aus einem Zimmer in das andere g:hen.“ Das nämliche „Bedürfnis, etwas Gutes zu tun* (von Kleist unterstrichen), und zwar ein wirklich „grosses Bedürfnis, ohne dessen Befriedigung er niemals glücklich sein werde“, hatte unser Dichter Wilhelmine genannt, da er es vergeblich unternahm, sie zu einer Bäuerin zu bekehren. Nur muss es etwas „wahrhaft Gutes“ sein, das mit
62 J. Sadger:
Fassen wir nunmehr alles zusammen, was ich nächst der schweren Belastung des Dichters als bestimmend für sein Leben hervorheben konnte, so ist es in geringerem Masse die Masturbation und die Selbst- vorwürfe, so sich daran knüpften, hauptsächlich jedoch die Männer- freundschaft, welche Kleists Entwicklung grösstenteils beherrscht. Alle grossen Krisen in seinem Dasein bis auf die Schlusskatastrophe am Wannsee entspringen getäuschter Liebe zum Mann oder aber der
seinen innern Forderungen übereinstimme und dieses sei, „sich auf einen Herd niederzulassen und ein Feld zu bebauen“. „Unter den persischen Magiern gab es ein religiöses Gesetz: ein Mensch könne nichts der Gottheit wohlgefälligeres tun als dieses, ein Feld zu bebauen, einen Baum zu pflanzen und ein Kind zu zeugen. Das nenne ich Weisheit, und keine Wahrheit hat noch so tief in meine Seele ge- griffen als diese. Das soll ich tun, das weiss ich bestimmt. Ach, Wilhelmine, welch unsägliches Glück mag in dem Bewusstsein liegen, seine Bestimmung ganz nach dem Willen der Natur zu erfüllen!‘ Ich habe keinen Zweifel und finde auch in meinen Psychoanalysen gar manche Anhaltspunkte dafür, dass dieses „etwas Gutes tun“, „nach dem Willen der Natur leben wollen“ und das Bebauen eines Feldes eine versteckt sexuelle Bedeutung hat. — Zur Erfüllung im Jenseits noch eine bezeichnende Episode. Als Brockes von Berlin versetzt ward, fiel Kleist in die schwersten Seelenkämpfe, angeblich, weil die Kantsche Erkenntnistheorie ihn so verwirrte. In Wahrheit lässt sich an der Hand des Briefes vom 21. März 1801 die Sache durchaus anders erklären. Der Dichter erzählt, wie er schon als Knabe sich den Gedanken aneignete, dass Vervollkommnung der Zweck der Schöpfung sei. „Ich glaubte, dass wir einst nach dem Tode von der Stufe der Vervollkommnung, die wir auf diesem Sterne erreichen, auf einem anderen weiter fortschreiten würden und dass wir den Schatz von Wahrheiten, die wir hier sammelten, aueh dort einst brauchen könnten. Aus diesem Gedanken bildete sich so nach und nach eine eigne Religion und das Bestreben, nie auf einen Augenblick hienieden stillzustehen und immer unaufhörlich einem höhern Grade von Bildung entgegenzuschreiten, ward bald das einzige Prinzip meiner Tätigkeit. Bildung schien mir das einzige Ziel, das des Bestrebens, Wahrheit der einzige Reichtum, der des Besitzes würdig ist.“ (Wie man sieht, hat Kleist von dem Einfluss Martinis trotz seiner Be- deutung gar kein Bewusstsein) Da kommt nun die Kantsche Philosophie, ihn auf schwerste erschütternd.. „Wir können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrhaft Wahrheit ist, oder ob es uns nur so scheint. Ist das letzte, so ist die Wahrheit, die wir hier sammeln, nach dem Tode nicht mehr — und alles Bestreben, ein Eigentum sich zu erwerben, das uns auch ins Grab folgt, ist vergeblich.“ Seit diese Überzeugung vor seine Seele trat, hat er kein Buch mehr angerührt, lief nur untätig im Zimmer und im Freien herum und suchte umsonst Zerstreuung und Ablenkung. „Und dennoch war der einzige Gedanke, den meine Seele in diesem äussersten Tumulte mit glühender Angst bearbeitete, immer nur dieser: dein einziges, dein höchstes Ziel ist gesunken!“ Offenbar handelt es sich um Erfüllung von Liebeshoffnungen hier oder im Jenseits. Mit dem Fort- gange Brockes klafft ein tiefer Riss durch sein ganzes Glück, sein einziges, höchstes Glück ist wirklich gesunken. Doch immer noch bleibt die Hoffnung, auf einem anderen Sterne glücklicher zu sein. Als aber die Kant sche Philosophie auch diesen Glauben ins Wanken bringt, ist er völlig verzweifelt und kennt nur einen einzigen Ausweg: „Lass mich reisen! War doch auf einer Reise die Möglichkeit geboten, einen neuen Brockes, eine neue Mannesliebe zu finden!
Heinrich von Kleist. 63
Anhoffung neuer Liebe. „Selten ist treue Freundschaft schlechter belohnt worden als im Falle Kleist“, sagt treffend Rahmer. Nur täusche man sich nicht über des Diehters Empfinden. Denn sein „lieblicher Enthusiasmus der Freundschaft“, der förmliche Kultus, die kritiklose Neigung und Schwärmerei für so viele Männer ist einfach Liebe und muss als solche gewertet werden. Es ist das Fatum in Kleists Leben, dass ihm, der stets nach dem Glücke pürschte, dies nur im Tode zu blühen vermochte. Ihm hat erst das Sterben wieder zur Liebe ver- helfen können, von welcher sein Dasein den Ausgang nahm und die er in sämtlichen Männerfreundschaften unbewusst suchte: zur Liebe der Mutter.
An unsere Leser,
Mit dem vorliegenden Hefte Nr. 71 tritt unsere Sammlung in das zweite Dezennium ihres Bestehens. In dem Prospekte unseres Unter- nehmens wurde als Ziel desselben die Herausgabe einer zwanglosen Reihe von Abhandlungen bezeichnet, in welchen Fragen von allgemeinem Interesse aus dem Bereiche der Nerven- und Seelenheilkunde und deren wissenschaftlichen Grenzwebieten behandelt werden. Die Abhandlungen sollten dem Leser die Resultate der Forschungen der mitarbeitenden Autoren zugänglich machen und die Darstellung bei voller Wahrung ihres wissenschaftlichen Charakters ein Verständnis des Gebotenen ohne spezielle Fachkenntnisse ermöglichen.
Die in den verflossenen 10 Jahren publizierten 70 Hefte unserer Sammlung dürften, wie ich glaube, Zeugnis davou ablegen, dass das Ziel unseres Unternehmens erreicht wurde. Auch die Hoffnung, die wir an unser Unternehmen seinerzeit knüpften, dass es der Teilnahme der grossen Masse der Gebildeten an dem wissenschaftlichen Leben der Gegenwart einen neuen Impuls geben werde. hat sich. wie wir aus vielen Anzeichen schliessen dürfen, erfüllt.
Dass wir beim Beginne des neuen Dezenniuns auf dieses Resultat blicken können, ist in erster Linie unseren Herren Mitarbeitern zu danken. Sie haben sich nach besten Kräften bemüht, der schwierigen Aufgabe gerecht zu werden, die Ergebnisse ihrer wissenschaftlichen Studien in gemeinverständlicher Form zu bieten. Es ist mir aber auch ein Herzensbedürfnis, bei diesem Anlasse der Verdienste zu gedenken, welche sich mein früherer Mitherausgeber, Herr Dr. H. Kurella (jetzt Bonn-Süd) und der Verleger Herr Dr. Bergmann um die Sammlung erworben haben.
Kollege Kurella hat seine reiche literarische Erfahrung und Sachkenntnis in den Dienst der Sammlung gestellt, bis er durch berufliche Verhältnisse verhindert wurde, die Mitherausgeberschaft fortzuführen, und er hat das warnıe Interesse, welches er der Sammlung bewahrte, durch eine demnächst erscheinende Abhandlung über Lombroso neu betätigt.
Herr Dr. Bergmann hat andererseits durch das hochsinnige Eintgegenkommen, das er allzeit den Wünschen der Autoren wie des Herausgebers erwies, sowie durch seine fachmännische Erfahrung die gedeihliche Entwicklung und Fortführung der Sammlung in dankens- wertester Weise gefördert.
Das beiliegende Verzeichnis wird eine Übersicht über die bisherigen Leistungen der Sammlung geben, aus der erhellen dürfte, dass diese, unbeeinflusst von irgend welchen Sonderinteressen, lediglich der Ver- breitung wissenschaftlicher Kenntnisse dient und dabei auch den Problemen, die gegenwärtig besondere Aufmerksamkeit in den Kreisen der Gebildeten beanspruchen, tunlichste Berücksichtigung zu teil werden lässt.
München. Februar 1910.
L. Loewenfeld.
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Grenziragen des Nerven- und Seelenlebens. Heft I-LXX. — 1900-1910.
1. Psychologie, normales Seelenleben.
Dr. J. Finzi: Die normalen Schwankungen der Seelentätigkeit. (4) *)
Prof. 8. Freud: Über den Traum. ($j
Prof, Dr. Ph. Lipps: Das Selbstbewusstsein. Empfindung und Gefübl. (9) Prof. W.Schuppe: Der Zusammenhang von Leib und Seele, das Grundproblem der Psychologie. (13)
Dr. E. Jentsch: Die Laune. Eine ärztlich psychologische Studie. (15) Prof. Dr. Lange: Sinnesgenüsse und Kunstgenuss. (20)
. Dr. L. Loewenfeld: Über die geniale Geistestätigkeit mit besonderer Be-
rücksichtigung des Genies für bildende Kunst. (21)
. Prof. A. Kowalewski: Studien zur Psychologie des Pessimismus. (24)
Prof. Dr. Oppenheimer: Bewusstsein — Gefühl. (23)
Dr. Semi Meyer: Übung und Gedächtnis. (30)
Prof, H. Obersteiner: Zur vergleichenden Psychologie der verschiedenen Sinnesqualitäten. (37)
Dr. E. Hirt: Die Temperamente, ihr Wesen, ihre Bedeutung für das seelische Erleben und ihre besonderen Gestaltungen. (40)
Dr. €. D. Pflaum: Die individuelle und die soziale Seite des seelischen Lebens. (13) 2
Prof. Dr. v. Bechterew: Die Persönlichkeit und die Bedingungen ihrer Entwicklung. (45)
Dr. Semi Meyer: Der Schmerz. Eine Untersuchung der psychologischen und physiologischen Bedingungen des Schmerzvorganges. (47)
Dr. Lessing: Der Lärm. (4
Waldstein: Das unterbewusste Ich und sein Verhältnis zu Gesundheit und Erziehung. (62)
IE. Psychophysiologie, Biologie.
‚ Dr. E, Storch: Muskelfunktion und Bewusstsein. Eine Studie zum Mechanismus
der Wahrnehmung. (10)
. Prof. Dr. Adamkiewiez: Die Grosshirnrinde als Organ der Seele. (11)
Prof. Dr. v. Bechterew: Die Energie des lebenden Organismus und ihre psycho-biologische Bedeutung. (16)
Dr. E. Jentsch: Musik und Nerven. I. Naturgeschichte des Tonsinnes. (29) Dr. H. Sachs: Gehirn und Sprache. (86)
. Dr. Bumke: Körperliche Begleiterscheinungen psychischer Vorgänge. (68)
*), Die eingeklammerten Zahlen bedeuten die Nummer des Heftes in der
Sammlung.
Il.
Krankhaftes Seelenleben, Entartung, Geistesstörung, Nervenkrankheiten.
Prof.Dr.H.Obersteiner: Funktionelle und organische Nervenkrankheiten. (2)
2. Dr. P. J. Möbius: Über Entartung. ı3)
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Dr. J. L. A. Koch: Ahnorme Charaktere. (5)
Dr. A. Hoche: Die Freiheit des Willens vom Standpunkte der Psychopathologie. a4)
Dr. Naeeke: Über die sog. Moral insanity. (1%)
Dr. Th. Tiling: Individuelle Geistesartung und Geistesstörung. (27)
Dr. F. Probst: Der Fall Otto Weininger. (31)
Dr. Dubois: Die Einbildung als Krankheitsursache. (48)
Prof Pilez: Die Verstimmungszustände, ,63)
Dr. Birnhbaum: Über psychopatlische Persönlichkeiten. (64)
Stransky: Dementia praecox. (67)
IV. Sexualpsychologie, Sexualpathologie.
Prof. Dr. A. Kulenburg: Sadismus und Masochismus. (19)
- Dr. G. Lomer: Liebe und Psychose. (49)
Dr. L. M. Kötscher: Das Erwachen des Geschlechtshewusstseins und seine Anomalien. 152)
V, Soziologie.
Dr. M. Friedmann: Walnideen im Völkerleben. (6/7)
Dr. G. Bäumer: Die Frau in der Kulturbewegung der Gegenwart. (82) Pıof.Dr. v. Bechterew: Die Bedeutung der Suggestion im sozialen Leben. (39) Prof. W. Sombart: Wirtschaft und Mode. (12)
VI. Anthropologie. Dr. G. Buscehan: Gehirn und Kultur. (4b)
VIl Ethik.
Professor Freiherr von Ehrenfels: Grundbegrifie der Ethik. (55) Professor Freiherr von Ehrenfels: Sexuslethik. (56)
VII.
Gerichtliche Medizin, Kriminalistik. Dr. L. M. Kötscher: Über das Bewusstsein. seine Anomalien und ihre forensiche Beileutung. (351 Dr. Lobedank: Rechtsschutz und Verbrecherbehandlung. Ärztlich - natur- wissenschaftliche Ausblicke auf die zukünftige Kriminalpolitik. (46) Dr. H. Kreuser: Geisteskrankbeit und Verbrechen. (51) Dr. I. Loewenfeld: Homosexualität und Strafgesetz. (57) Dr. Bumke: Landläufige Irrtümer in der Beurteilung von Geisteskranken. 73) Dr H. Hoppe: Alkohol und Kriminalität, (42)
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IX. Pathographien.
Dr. P. J. Möbius: Über das Pathologische bei Nietzsche. (17) Dr. Sadger: Konr. Ferd. Meyer. (59)
Dr. Vorberg: Guy de Maupassant’s Krankheit. (60) Freimark: Tolstoj als Charakter. (66)
Dr. Sadger: Heinrich v. Kleist. (7u)
X. Hygiene. Dr. E, Hirt: Der Einfluss des Alkohols auf das Nervensystem. (25)
. Prof. Dr. A. Hoffmann: Berufswahl und Nervenleiden. (26) Dr. B. Laquer: Trunksucht und Temperenz in den Vereinigten Staaten. Dr. L. Loewenfeld: Über die geistige Arbeitskraft und ihre Hygiene.
Dr. B. Laquer: Gothenhurger System. 153)
XL Grenzgebiete.
Dr. L. Loewenfeld: Somnambulismus und Spiritismus. (1)
Dr. G. Wolff: Psychiatrie und Dichtkunst. (22)
Dr. L. Loewenfeld: Hypnose und Kunst. (28)
Dr. Wanke: Psychiatrie und Paedagogik. (833)
Dr. W. Hellpach: Nervenleben und Weltanschauung. (41) Prof. Dr, Weygandt: Die abnormen Charaktere bei Ibsen. (50)
. Kotik: Emanation der psychophysischen Energie. (61)
Dr. Stekel: Dichtung und Neurose. (65) Prof. Hoffmann: Kant und Swedenborg. (69)
(84) (88)
Verlag von J. F. BERGMANN in Wiesbaden.
Lehrbuch
der
Nachhehandlung nach Operationen.
„Bearbeitet von
Prof. Dr. Paul Reichel in Chemnitz.
Zweite umgearbeitete und vermehrte Auflage.
Mit 67 Abbildungen im Text. — Preis geb. M. 12,—.
Nonum prematur in annum; dem Grundsatz ist bei Fertigstellung dieser zweiten Auflage der Verf. gefolgt; nachdem die erste Auflage vom Jahre 1896 vergriffen war, hat er noch 9 Jahre gezögert, bis er diese neue in Druck gegeben hat. Damit steht sie aber auch wieder ganz auf modernem Standpunkt, hat namentlich die Bier’schen Heilverfahren berücksichtigt, und überall erkennt man, teils bei Neu- einfügungen und Umarbeitungen, teils auch aus Fortlassungen, welch reiches eigenes Beobachtungsmaterial in dem vergangenen Jahrzehnt dem Verf. zur Verfügung ge- standen hat und mit welcher Kritik er seinen eigenen Frfahrungen wie denen seiner Zeitgenossen gegenüber steht. Sehr hervorzuheben sind noch neue Einschaltungen über die Begutachtung von Unfallverletzten sowie die Neuaufnahme einer Anzahl von Abbildungen wie die gleichmässigere Ausführung aller Holzschnitte .... .
Zentralblatt f. Chirurgie 1909, 1.
... . Der verdienstyolle Verfasser hat sich die dankbare Aufgabe gestellt, das in den meisten chirurgischen Lehrbüchern etwas stiefmütterlich behandelte Gebiet der Nachbehandlung nach Operationen in ausführlicher Weise zu beleuchten, weil er selbst als junger klinischer Assistent diese Lücke der Bücher empfunden hat. Ist doch gerade die Nachbehandlung für den Erfolg der Operation häufig bestimmend und vielfach wichtiger und grössere Erfahrung erfordernd, als der Eingriff selbst.
Das Buch wird sich in der ärztlichen Praxis viele Freunde erwerben.
Ärztl. Sachverstündigen-Zeitung.
Sexualleben und Nervenleiden.
Die nervösen Störungen sexuellen Ursprungs.
Von Dr. L, Loewenfeld in München.
Vierte, völlig umgearbeitete und vermehrte Auflage,
Mk. 7.—, geb. Mk. 8.—.